Liebe im chat – Erinnerungen an Julia Tchernova

Ob meiner Vereinsamung während des Verfassens meiner Dissertation riet mir ein Soziologe aus Frankfurt am Main einmal Kontaktaufnahmen im Internet auszuprobieren. So folgte ich seinem Rat und tummelte mich bei StudiVZ.

Nach einigen Versuchen wurde ich fündig. Im Ernst. Eine Studentin der Germanistik an der FU vermochte es, meine Rede sympatisch und authentsch zu erwidern. Schriftlich, im chat.

Ihr Name war Julia.

Julia Tchernova.

Just neu kennengelernt, chatteten wir wie die Wilden. Eine Stunde täglich. Mindestens. Jedes Mal ungeduldiges Warten auf den Bimmelton bei einer neuen Nachricht, bei funktionierender Soundkarte. Dazu ein Icon, manchmal. Meine liebsten waren ein Smiley, eine Kaffeetasse und ein Herz. Oder mehrere.

Tagsüber Haushalt und Einkaufen. Ab dem frühen Nachmittag weiter schreiben an der Doktorarbeit. Bei aufgebrauchter Konzentration ein break. Morgen weiter. Zur Entspannung malen. Zunächst kolorierte Bleistiftskizzen, später Öl auf Leinwand.

Julia war 21, ich zählte 41 Lenze. Damals, im Februar 2008.

Wenn ein Bild fertig war, oder ich beschloss, es sei genug für den Tag, schwang ich mich auf mein Fahrrad, um – nicht allzu weit entfernt – eine Kneipe aufzusuchen.

Julia liebte Popmusik. Modern Talking und Madonna. Per Mail machte sie mich mit ihrem Musikgeschmack vertraut. Außerdem spielte sie Klavier, so wie ich. Damit hatte sie gewonnen. Mein Herz. Es sang wieder, und im Himmel spielten die Geigen.

Seite für Seite quetschte ich mir aus den Fingern und dem Hirn. Bald war die Hälfte geschafft. Zum Glück hernach eine ganz andere Anstrengung und Konzentration: Die Bilder.

„Christian, ich muss Dir etwas sagen.“ – „Was denn, Julchen?“ – „Ich studiere nicht in Berlin. Ich studiere in Moskau.“

Bumm! Ich rang um Fassung, versuchte, mein Herz auszuschalten.

„Was???“

„Ja, Papa hat gesagt, wir müssen zurück nach Moskau. Ich war gerad 14, und vermisse meine deutsche Freundin Linda sehr.“

„Au, scheiße! Das ist böse. Wollen wir trotzdem weiter reden?“

„Klar.“

„Super! Danke Dir!“

[Love]

Gewidmet einer Studentin der Mediävistik an der Freien Universität Berlin 2019.

Und Frederico.

© Κристиан Φерх 2019

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