Kleine Geschichte der Zeitungen am Fachbereich Germanistik, Freie Universität Berlin

Mitte der 90’er Jahre existierte zunächst eine Zeitung am Fachbereich Germanistik der Freien Universität Berlin: Die „Zeitung ohne Eigenschaften“. Frei nach Robert Musil’s „Mann ohne Eigenschaften“. Ein Foto zeigte unsere Rostlaube mit der Unterschrift: „Ist da Geist drin?“ –

So weit, so gut. Anflüge von Satire und intelligentem Spott waren die Aufmacher des Papiers der Fachschaftsinitiative Germanistik, um dann mit teils fachlich-wissenschaftlichen, teils literarischen Erkenntnissen aufzuwarten.

Unvergessen die Orientierungswochen der Fachschaftsinitiative Germanistik für Erstsemester, bei denen Neuankömmlinge mit räumlicher Orientierung (K-Straße, J-Straße usw.) sowie Hilfestellungen beim Erstellen des Studienplans (Pflichtveranstaltungen, Pflichtscheine) betreut wurden.

Ein gewisser Kommilitone – er studierte Deutsch/Informatik auf Lehramt – verfasste einst einen Artikel für besagte „Zeitung ohne Eigenschaften“. Sein Zeitungsartikel war sehr lang, und mit vielen Fußnoten versehen. Dies ärgerte die Redaktion der „Zeitung ohne Eigenschaften“ nicht nur, sie war schätzungsweise überfordert, oder weiß der Geier.

Die Antwort: Zensur! Sein Artikel wurde nicht abgedruckt.

Seine Antwort: Der „Schierling. Zeitung mit Eigenschaften.“. Eine eigene Zeitung. DIN-A5. 55 Seiten im Sommer 1994.

„Dies ist eine negative Nullnummer. Was ist das eigentlich – eine Nullnummer? Offensichtlich kein Telekom-Kodex; wahrscheinlich auch kein Akt, der halb auf dem WC vollzogen wird; wenigstens sicher keine aseptische klassisch-französische Position bei romanischen Rund-Rücken.

Ernst beiseite […]“

(Praelogon)

Von diesem Herrn Autoren folgte die „BALD“. Wieder eine Zeitung am Fachbereich Germanistik. Aus dem Nirgendwo ins Nirgendwo eines einsam vor sich hin und her studierenden Germanisten.

Meine Wenigkeit erhielt eine Einladung zu einer Redaktionssitzung besagten Blattes. Nach langer, anstrengender Reise aus Lichterfelde nach Kreuzberg in einem Hinterhof angekommen, hatte ich mir vorgenommen, mein Bestes zu der neuen, autonomen Zeitung am Fachbereich Germanistik beizutragen. Allein, dies misslang. Mir wurde – auch nach lautem Klopfen – nicht geöffnet. Aussperrung, Zensur???

Nun, das ist halt die FU, dachte ich bei mir, und machte mich weinenden Herzens auf den Rückweg.

Alles umsonst.

Papier kostet Geld.

Druckertinte auch.

Ich geh‘ jetzt zum AStA. Basta!

Die machen das schon. – Danke dafür!

Bei den nächsten Orientierungswochen wollte ich mischen, mit. Helfen einfach. Meine Erfahrungen weiterreichen.

Eine Erstsemesterin erklärte sich bereit, mit mir zusammen eine neue Zeitung herauszugeben: Die Spitze. Das Unmögliche wagen: Linke Gesinnung, dennoch in Wissenschaft und Sprachstil – leistungsorientiert.

Wie ich in persönlichen Gesprächen erfuhr, hatte sie ein Jahr zu Hause verbracht. Tagsüber schlafen, des nachts Lektüre: Mittelalter und F. Nietzsche. Gesamtausgabe, Dünndruck.

Hammer!

So gingen wir einen Schritt weiter. Autonomie, Sprache, Literatur, Philosophie.

So entstand Die Spitze. –

1996 – 1998.

Am germanischen Seminar, Fachbereich Philosophie und Geisteswissenschaften an der Freien Universität Berlin.

P.S.:

Intentionales

Entstanden ist Die Spitze als eine Studentenzeitung, welche neben dem Mainstream der Fachschaft der Germanistik an der Freien Universität Berlin alternativen Lesestoff anbieten wollte. –

Die erste Ausgabe („Ein Weihnachtsoratorium“) erschien im Januar 1996, die letzte (Spitze ) im Mai 1998. Zunächst als ein kleiner Protest gegen Zensur seitens der Fachschaftszeitung gedacht, avancierte Die Spitze zu einem von Studenten, welche das studentische Café »Geothropa« in der Rostlaube frequentierten, gern gelesenem Blättchen. In den Anfängen noch ein wenig dilettantisch daherkommend, schärften sich die Gedanken des Autors und der Co-Autorin zu einigermaßen elaborierten Artikeln, welche als Seismographen von Studieninhalten sowie studentischen Befindlichkeiten goutiert werden konnten. In ihren besten Tagen hatte Die Spitze eine Auflage von 200 Exemplaren, welche teils auf Tischen in Seminarräumen, teils im Studentencafé Goethropa ausgelegt wurden. –

Literatur, Linguistik, Philosophie und Religionsphilosophie bildeten die Stimuli der von den Autoren neben dem Studium verfassten Texte. –

[Heute, über zwanzig Jahre nach dem Erscheinen der ersten Ausgabe, möchte der Autor es wagen, diese Tradition fortzuführen.]

© Dr. Christian Ferch 2019