Bildung

Bildung

„Bildung statt Ausbildung!“ –

Studentenschaft der Freien Universität Berlin, 90’er Jahre.

 

Wilhelm von Humboldt:

„Die Bildung des Menschen im umfassenden Sinne, sowohl des allseitig entwickelten Individuums als auch der menschlichen Gesellschaft überhaupt, steht im Mittelpunkt des Lebens und Wirkens Wilhelms von Humboldt.“

Es bedurfte allerdings auch der an der Sache geschulten Einsicht und des unbestechlichen Urteils, um an den mancherlei angebotenen Prinzipien die unfruchtbaren, vor allem die auf der Logik basierenden, abzulehnen, dafür den zukunftsträchtigen Grundsatz der Historizität zu wählen und in strenger Methode zur Anwendung zu bringen.“

(Humboldt und die Sprachwissenschaft. Von Gertrud Pätsch)

Wie Th. W. Adorno lehnt Wilhelhelm von Humboldt die Logik ab, und das wohlbegründet: Durch sie würden Anlagen und Talente des Menschen sowie einer Gesellschaft beschnitten und kastriert. Auch eine vielstellige Logik hilft hier nicht weiter.

Denken auf Gleisen, naturwissenshaftliche Methodiken (Propabilistik und Kausalität) in den Humanwissenschaften anzuwenden bedeutet, Räume für Kunst und Ästhetik eng zu machen, wenn nicht gar auszumerzen, das scheint das Anliegen modern genannter Psychologie und Soziologie.

„In der Berechenbarkeit des Menschlichen liegt das Ende und der Tod der Individualität, der Kreativität und der Leidenschaft.“

(Aphorismus 212., 19.08.2016; Dr. Christian Ferch)

 

Th. W. Adorno:

„Die Forderung der Einheit von Theorie und Praxis hat unaufhaltsam diese zur Dienerin erniedrigt; das an ihr beseitigt, was sie in jener Einheit hätte leisten sollen. Der praktische Sichtvermerk, den man aller Theorie abverlangt, wurde zum Zensurstempel.“

„Die Liquidation der Theorie durch Dogmatisierung und Denkverbot trug zur schlechten Praxis bei; daß Theorie ihre Selbständigkeit zurückgewinnt, ist das Interesse von Praxis selber. Das Verhältnis beider Momente zueinander ist nicht ein für allemal entschieden, sondern wechselt geschichtlich. Heute, da der allherrschende Betrieb Theorie lähmt und diffamiert, zeugt Theorie in all ihrer Ohnmacht gegen ihn. Darum ist sie legitim und verhaßt; ohne sie könnte die Praxis, die immerzu verändern will, nicht verändert werden. Wer Theorie anachronistisch schilt, gehorcht dem Topos, was als Vereiteltes weiter schmerzt, als Veraltetes abzutun.“

(Th. W. Adorno, Negative Dialektik, S. 146f)

„In gewissem Betracht ist die dialektische Logik positivistischer als der Positivismus, der sie ächtet: sie respektiert, als Denken, das zu Denkende, den Gegenstand auch dort, wo er den Denkregeln nicht willfahrt. Seine Analyse tangiert die Denkregeln. Denken braucht nicht an seiner eigenen Gesetzlichkeit sich genug sein zu lassen; es vermag gegen sich selbst zu denken, ohne sich preiszugeben; wäre eine Definition von Dialektik möglich, so wäre das als eine solche vorzuschlagen.

(Th. W. Adorno: Negative Dialektik; S. 144. Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft, 1966; Hervorhebungen von mir, C.F.)

„Was in Hegel und Marx theoretisch unzulänglich blieb, teilte der geschichtlichen Praxis sich mit; darum ist es theoretisch erneut zu reflektieren, anstatt daß der Gedanke dem Primat von Praxis irrational sich beugte; sie selbst war ein eminent theoretischer Begriff.

(Th. W. Adorno: Negative Dialektik; S. 147. Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft, 1966; Hervorhebungen von mir, C.F.)

 

Niklas Luhmann:

„Nun hebt eine radikale Kritik des Begriffsrealismus jedoch zugleich den Weltrealismus auf. Das lehrt der Gang der spätmittelalterlich-neuzeitlichen Philosophie mit unübersehbarer Deutlichkeit. Unter diesen Umständen bleibt der Soziologie zwar die Möglichkeit, ihre Wissenschaftlichkeit auf eine Verweigerung dieses Wissens zu gründen und gerade darin ihre Positivität zu finden, daß sie eine vorgegebene Welt annimmt. Aber sie kann nicht verhindern, daß diese Entscheidung nun eine Position wird – eine Entscheidung wider besseres Wissen. Diese erkennbare und unvermeidliche Selektivität der Position des soziologischen Positivismus reizt dazu, grundbegriffliche Diskussionen in einer neuartigen Form wider aufzunehmen und sie unter die gegenteilige Prämisse zu stellen, daß weder die Begriffe noch die Welt als feste Vorgaben behandelt werden können. Eine solche Prämisse scheint ins Leere zu führen. Absurde Prämissen haben jedoch, weil sie nichts ausschließen, den Vorteil, daß daß die Gefahr eines Irrtums gering wird.“

(Luhmann, Niklas: Sinn als Grundbegriff der Soziologie.

In: Habermas / Luhmann: Theorie der Gesellschaft oder Sozialtechnologie?)

 

Hartmut v. Hentig:

Bildung als Antwort auf Orientierungslosigkeit – behauptete oder tatsächliche.

Bildung sei wichtiger als Wissenschaft, Information, Kommunikationsgesellschaft, Selbsterfahrung und Gruppendynamik und die angestrengte Suche nach Identität.

[…], alles, was Anlagen und Talente eines Menschen fordert und fördert.

„Zugleich hat sich uns eingeprägt: „Du sollst Dir kein Bildnis machen“ – nicht nur von Gott, sondern vor allem nicht vom Menschen, vom einzelnen Menschen wie vom Menschen schlechthin, vom Gattungswesen. Alle Bilder, so hat uns Max Frisch eingeschärft, tun der Wirklichkeit Gewalt an. […]:

– Wir neigen dazu, uns ein Bildnis vom Anderen zu machen. Wenn wir es tun, ist es ein Zeichen der Schwäche, ja, des Verrats. Wir halten nicht aus, daß der andere unbestimmbar, ein Rätsel ist.“

(H. v. Hentig, S. 25)

 

Philosophen:

RICHARD RORTY: Bildung neu entdeckt.

„Große bildende Philosophen reagieren und schreiben Satiren, Parodien und Aphorismen.“

„Systematische Philosophen möchten ihr Fach auf den sicheren Pfad einer Wissenschaft führen. Bildende Philosophen wollen dem Staunen seinen Platz erhalten wissen, das die Dichter manchmal hervorrufen können – dem Staunen, daß es etwas Neues unter der Sonne gibt, etwas, das nicht im genauen Darstellen des schon Vorhandenen aufgeht, etwas, das (zumindest im Augenblick) nicht zu erklären und kaum zu beschreiben ist.“

(Was ist Bildung? Eine Textanthologie. Reclam 19008)

Dr. Christian Ferch, im Mai 2019