Herrschaftsfreie Kommunikation – Brief an Prof. Schülein (Wien)

In meiner Auseinandersetzung mit der Möglichkeit herrschaftsfreier Kommunikation verfasste ich folgenden Brief an einen Soziologieprofessor in Wien:

 

Brief Johann August Schülein

Sehr geehrter Herr Schülein,

zunächst erstaunt nahm ich zur Kenntnis, dass Sie von dem Problem der „Kontrolle der Kontrolleure“ sprechen.

Ein paar Tage benötigte ich schon, um – mit Pausen – über diese Ihre Begriffswahl zu reflektieren. Eine plausible Erklärung liefert Niklas Luhmann:

„[…], daß weder die Begriffe noch die Welt als feste Vorgaben behandelt werden können. Eine solche Prämisse scheint ins Absurde zu führen. Solche Prämissen haben jedoch, weil sie nichts ausschließen, den Vorteil, daß die Gefahr eines Irrtums gering wird.“            (S. 25)

Während bei Habermas noch von einer „Beurteilung der Beurteilerkompetenz“ (S. 135) die Rede ist, unternehmen Sie das plausible Wagnis, eine Machtkomponente einzubeziehen und offenzulegen, durch den Begriff zu explizieren:

Wer kontrolliert ein Gespräch, die Wahrheit (Tatsachen), die ‚Praxis‘ oder gar die wirtschaftliche Situation von Menschen?

Mein Lösungsvorschlag lautet, eine skeptische Haltung einzunehmen, divergierende Auffassungen von ‚Wahrheit‘, ‚Tatsachen‘ oder auch ‚Praxis‘ zur Kenntnis zu nehmen und zu tolerieren, eben Gewaltenteilung in diesen Dingen zu üben, um auf diese Weise den Individualitäten von Menschen Raum zu geben.

Sola divisione individuum, lautet ein Text dazu von Odo Marquard mit dem Untertitel Betrachtungen über Individuum und Gewaltenteilung, welcher in dem Reclam-Band 18306, „Individuum und Gewaltenteilung“ zu finden ist.

Einen Schritt vor der psychischen Kraftanstrengung eines Zurücktretens, Betrachtens, Abwägens und Tolerierens unterschiedlicher, oft sich widersprechenden Auffassungen von ‚Wahrheit‘ usw. steht der Kampf um diese, oder vielmehr der Kampf um die sie beschreibenden Begriffe:

In seinem Buch »Spiegel und Masken« sind neben den Interdependenzen von Kommunikation und Identität auch Erörterungen darüber zu finden, inwiefern eine Ausübung von Macht sich in Kommunikation niederschlägt.

 Kampf um terminologische Prämien ist nicht nur Streit um Worte, denn Worte sind Handlungsmandate, und manchmal ist eine klassifikatorische Entscheidung eine Sache von Leben und Tod. Zumindest sind die menschlichen Interessen tief darin verstrickt. (Strauss, S. 25)

 Hier erscheint die Notwendigkeit einer Bewertung als wesentlich, da durch sie erst die Möglichkeit zum Handeln geschaffen wird. Das bedeutet im Gegenzug, dass ein Subjekt ohne seine Bewertungen von Sachverhalten und Personen in Handlungsunfähigkeit erstarrte. Diese Notwendigkeit von Bewertungen stellt Strauss heraus:

Daß Menschen Sprache verwenden heißt, daß sie Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft bewerten müssen. Unabhängig davon, wie das Vokabular einer Gesellschaft das Fließen der Zeit einteilen und ordnen mag, wirken Vergangenheit und Zukunft in der Gegenwart aufeinander und beeinflussen in ihr das Handeln. (Hervorhebung von mir; C.F.) (Strauss, S. 30)

(„Elemente einer allgemeinen Kommunikationstheorie“;

Christian Ferch, Dissertation, S. 206f)

Dr. Christian Ferch, Berlin-Lichterfelde, 27. März 2019

 

Literatur

Ferch, Christian. Elemente einer allgemeinen Kommunikationstheorie. Norderstedt: Bokks on Demand 2015.

Habermas, Jürgen / Luhmann, Niklas. Theorie der Gesell­schaft oder Sozialtechnologie – Was leistet Systemforschung? Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag 1971.

Marquard, Odo. Reclam-Band 18306, Individuum und Gewaltenteilung.

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