Erlebnisse einer Urlaubsreise von 1987 nach Südtirol. Zusammengestellt aus „Kalina“ für Lisa Bräutigam

Seinen hochverdienten Urlaub während seiner Bundeswehrzeit ist Christoph nur sehr schwer zu planen imstande: Das Bahnticket ist schon gebucht, als er feststellen muss, dass sein Urlaubsantrag noch gar nicht eingereicht ist.

Im Nachtzug von Hamburg nach München belegt Christoph ein Bett im Schlafwagen, kann traumlos schlafen, da er einerseits sehr erschöpft ist, andererseits einen erholsamen Skiurlaub vor sich wähnt. –

München Hauptbahnhof. Menschenmengen winden sich die Bahnsteige entlang. Es ist laut und geschäftig.

Nach einigem Suchen: Umsteigen in den Zug nach Bozen.

Neben der obligatorischen körperlichen Ertüchtigung hatte Christoph immer wieder versucht, seiner Wehrdienstzeit positive Momente abzugewinnen, wie beispielsweise den in Selbstdisziplin verwandelten Zwang zur Disziplin, welcher einige andere Rekruten akademischer Provenienz zu brüskieren und zu echauffieren wusste.

Der Bahnhof in Bozen erschien Christoph altbacken und romantisch. Seine Wartezeit auf den kleinen VW-Bus, welcher ihn die letzte Strecke seines Weges nach Corvara transportieren sollte, überbrückte er in dem Bahnhofscafé. Er bestellte einen Espresso, nicht ohne die erotische Ausstrahlung der Kellnerinnen und Kellner mitsamt deren ästhetischen Bewegungen zu bemerken… –

Der Oberfeldwebel der Nachschubkompanie hatte einen kleinen Faible für Christoph: Dessen teils schelmische, teils intelligente Art schien es ihm angetan zu haben. Diesen talentierten Burschen musste er doch – auch in Anbetracht seiner zukünftigen Leistungsfähigkeit – trotz nicht ganz korrekter Bürokratie seinen Urlaub ermöglichen… –

Gemächlich, aber bestimmt wurde das Gepäck der Reisenden in den VW-Bus gewuchtet, welcher die Passagiere den letzten Rest ihres Weges in das ersehnte Skidorf bringen sollte. Die Fahrt, welche still erwartungsvoll begangen wurde, verlief ohne Zwischenfälle über die Passstraßen Südtirols, ohne dass Christoph ein Wort an einen Mitreisenden verlor. Er war einfach nur erschöpft von seinen Staatsdiensten, und gelobte sich, die wunderbar beeindruckende Atmosphäre der Dolomiten zu genießen, sein Herz mit ihr zu füllen.

Gebucht waren vierzehn Tage Übernachtung mit Frühstück in einer kleinen Pension in Corvara, Südtirol. –

In dem vom Tourismus lebenden Dorf nach dem VW-Bus-Transfer angekommen, versuchte Christoph, sich zu orientieren. Gleißende Sonne, deren helles Licht durch den Schnee reflektiert wurde, erschwerte ihm den suchenden Blick auf die kleine Karte, welche ihm neben der Buchungsbestätigung postalisch zugestellt worden war. Endlich fand er sein Ziel: Eine kleine Hütte, als Einfamilienhaus sowie als Pension dienend, lag am Fuße jenes Berges, welcher den sportlichen Brettkünstlern adäquate Abfahrten und Pisten zu bieten hatte, abseits des Ortskerns mit den vielen Hotels, Fremdenpensionen, Cafés und Diskotheken.

Während sich die Semesterferien ihrem Ende zuneigen, träumt Christoph weiter von vergangenen Tagen in Südtirol: Ebenso intensive wie ehrlich-offene Gespräche mit der Tochter des Hauses beim Frühstück, die mechanische Espressomaschine auf dem Gasherd macht zischende Geräusche, danach das Präparieren seiner Ski mit Wachs und Bügeleisen auf der von der Sonne schon gut erwärmten Terrasse vor dem Haus. Jeder Tag ein erholsamer Gewinn! Der Schnee auf den Pisten hat noch gute Qualität, obschon die Frühlingssonne ihm schon ein wenig zuzusetzen vermag. Nachts ist noch Frost. Das Ergebnis: Sulzschnee. Abends liest Christoph. Seine Mutter hatte ihm zwei Bücher in den Koffer gesteckt: Eines über Feminismus, ein anderes über Philosophie in Italien, Mailand und Neapel, zwar ein wenig simplifizierend, jedoch sehr unterhaltsam geschrieben von einem ehemaligen Ingenieur.

An einem der schönen Sonnentage seines Urlaubs in Südtirol hatte Christoph die Tochter der kleinen Pension überreden können, ihn auf seinen täglichen Ausflug auf die Skipisten zu begleiten. Sie hatte einen freien Tag, ohne Schule oder Job. An einer Gabelung entschieden sich die beiden, den jungfräulichen Tiefschnee abseits der planierten Pisten zu genießen. Gerade erst ein kleines Waldstück hinter sich lassend, erblickten sie ein weitläufiges Tal, an dessen Fuß einen kleine Holzhütte ihr einsames Dasein fristete. Gekonnt den Tiefschnee im Parallelschwung pflügend – jeder wollte dem anderen seine exzellenten Skikünste beweisen – näherten sie sich der Hütte. Unten angekommen, entschlossen sie sich zu einer Rast in der frühlingshaft wärmenden Sonne vor der Hütte. Ski und Stöcke in den Schnee gesteckt, ließen die beiden sich auf einem Holzabsatz nieder, um die nahezu unberührte Natur hier zu genießen: Keinerlei Geräusche von Liftanlagen oder andere Skiläufer störten die Idylle, das Tal der Lichtung, auf der die Hütte gebaut war, sah sich nur umsäumt von wenigen kleinen Nadelwaldstreifen, einzig der Blick auf das Bergpanorama ringsumher erinnerte daran, dass man sich in einem Urlaubsort in Südtirol befand.

So schön, erholsam, inspirierend und betörend der Urlaub, so melancholisch schwer der Abschied: Christoph hatte sich von Erika einen Ring als Andenken erbeten, ebenso wie die Verabschiedung am Bus nach Bozen. Erfüllten Herzens winkten die beiden sich lange noch zu, damals in den Dolomiten… –

Seit dieser Zeit prangt ein Ring am kleinen Finger Christophs rechter Hand, welcher zwar einige Male ob des Verlustes erneuert werden musste, jedoch – als Symbol – im Grunde seines Herzens ihn an diesen für ihn ausschlaggebenden Urlaub erinnern sollte.

(Aus: „Kalina oder die Liebe zum Leben… -„; geschrieben 2013 – 2017)

Anmerkung

Die Tochter des Hauses, der kleinen Pension am Fuße des Berges hieß Elisabeth. Elisabeth Penazzi. Deutsch: Elisabeth Planatscher. Oder einfach Lisa.

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