Der Kulturschock der Antike – das semiotische Dreieck

Um die erkenntnistheoretischen, sprachphilosophischen Reflexionen zu vertiefen, ist es gar nicht vonnöten, neueste und als modern verkaufte wissenschaftliche Erkenntnisse zu konsultieren. Ein Blick in antike und mittelalterliche Texte zu dem Thema genügt:

Angefangen mit der Schrift „peri hermeneias“ (Lehre vom Satz) von Aristoteles (384-322 v. Chr.) über Francis Bacon (1561-1626) und Edmund Husserl (1859-1938) bis zu einem Grundkurs C der Linguistik über Wortsemantik (Wintersemester 1994/95) an der freien Universität Berlin zieht sich der rote Faden der Erkenntnis, dass ein sprachlicher Ausdruck beziehungsweise ein Wort eben nicht in erster Linie einen Referenten, eine Sache, die Natur oder die Welt bezeichnet, sondern ein geistiges Konzept, einen Begriff oder eine Idee im Kopfe eines Kommunizierenden.

Das Schockierende – aber in Platons Philosophie die zentrale Entdeckung der Begriffe – daran war in der Antike, dass eben keine Eins-zu-eins-Relation zwischen einem Wort und einer Sache beziehungsweise einem Referenten besteht, was den Terminus einer „Bedeutung“ erheblich komplexer macht, als gemeinhin angenommen.

Aus diesem Wissen entwickelten Charles Kay Ogden und Ivor Armstrong Richards (The Meaning of Meaning,1923) eine Dreiecksfigur:

Diese auch als semiotisches Dreieck bekannt gewordene Figur ist immer wieder hilfreich und orientierend bei der Lektüre sprachphilosophischer Texte zu dem Thema einer „Bedeutung“.

Um die jeweiligen Entitäten (existierende Dinge oder Größen im Geist) an den Eckpunkten des Dreiecks (A, B und C) zu bezeichnen, haben verschiedenste Autoren aus verschiedenen Epochen immer andere Begriffe benutzt. Hier ein kleiner Überblick:

sprachlicher Ausdruck (A) Gedanke (B) Gegenstand /Sache (C)

vox, conceptus, res (Aristoteles)

[Stimme, Konzept / Begriff, Sache / Gegenstand]

sprl. Äußerungen, seelische Widerfahrnisse, die Dinge (Aristoteles; übersetzt)

sprl. Ausdruck, Erkenntnisbild, Sache (F. Bacon)

sprl. Ausdruck, Konzept, die Dinge (Giattini, Giovanni Battista SJ. Logica)

Ausdruck, Sinn / Bedeutung, Gegenständlichkeit (E. Husserl)

Symbol, Gedanke, Referent (C. K. Ogden und I. A. Richards)

symbol, thought or reference, referent (Ogden und Richards im englischen Original)

sprl. Ausdruck, geistiger Begriff, die Dinge (Dr. Meier-Oeser; Dozent des Hauptseminars)

sprl. Form, Begriff, Sache (Lieb)

word, idea, — (John Locke)

Ein Beispiel: Jemand spricht das Wort „Tisch“ aus, oder schreibt es auf einen Zettel. Dies wäre dann Eckpunkt A, der sprachliche Audruck, das Zeichen oder Symbol, oder the word. Dann geschieht Folgendes: Diese Wort „Tisch“, gesprochen oder geschrieben, löst im Hörer oder Leser etwas aus. Nämlich ein geistiges Konzept, einen Begriff. Was ist ein „Tisch“? Ein Tisch kann drei, vier, fünf und mehr Beine haben, und dient dazu, vor einem oder mehreren Menschen etwas abzulegen oder abzustellen: Ein Buch, einen Monitor, oder eine Speise. Dies ist dann Eckpunkt B des semiotischen Dreiecks, den man statt „Begriff“ auch „Vorstellung“ nennen kann, wobei das nichts mit Theater zu tun hat. In der sprachwissenschaftlichen Lehre von Bedeutungen (Semantik) wird noch unterschieden zwischen Prototypen- und Merkmalssemantik: Was ist der Prototyp eines Tisches, welche Art von Gegenständen werden schnell und selbstverständlich als „typisch Tisch“ erkannt? Oder andererseits: Welche Merkmale muss ein Gegenstand aufweisen, damit er als „Tisch“ bezeichnet werden kann?

Noch eine umgedrehte Clementinenkiste aus dünnem Holz, welche ein auf dem Boden kauernder Mönch vor sich aufgebaut hat, um darauf ein Buch, ein Getränk und einen Aschenbecher abzustellen, ist demnach ein „Tisch“.

Damit sind wir schon bei Eckpunkt C des semiotischen Dreiecks: Hier sind die Gegenstände der „Welt“, Dinge, Sachen oder Realitäten gemeint, welche durch ein Wort (Eckpunkt A) und einen Begriff (Eckpunkt B) gemeinsam „bezeichnet“ (R4 = Relation 4; der lange Pfeil in obiger Grafik) werden.

Nicht jeder spricht Chinesisch, doch jeder ist vom Fach, der Sprache benutzt.

Ob nun in den Köpfen der Menschen das Gleiche stattfindet, sie bei einem sprachlichen Ausdruck dasselbe denken, den gleichen Begriff „meinen“, muss offen bleiben.

Das ist schon alles Wissenswerte, was zu friedfertiger und toleranter Kommunikation beitragen kann.

Anmerkung:

Jemand sagt beispielsweise »Tisch«, und meint und versteht darunter etwas Bestimmtes. Sein Gegenüber hört das Wort, versteht darunter jedoch etwas (völlig) Anderes. Diese mögliche Differenz kann man wissen und berücksichtigen.

Einst sprach ich in diesem Zusammenhang von unhumanistischen Versuchen, »nicht bestehende Kongruenzen (oder ein Verstehen) zu erzwingen.«
Jemand kann ja auch den Versuch unternehmen, seinem Gegenüber seine Bedeutung ins Hirn zu meißeln. Das wäre dann eine »Bewusstseinsklonung«, wie ich es genannt habe.
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