Der Mut zum Sein (Teil 4): Das Unbehagen in der Kultur

In diesem vierten und letzten Teil soll es noch einmal um den Kerntext Sigmund Freuds gehen, dem »Unbehagen in der Kultur«, welcher Anlass bot für das gleichbenannte Seminar am religionswissenschaftlichen Institut der Freien Universität Berlin im Wintersemester 1997/98. –

Hier sei die Argumentation Freuds noch einmal kurz nachgezeichnet. Er beginnt mit einer grundsätzlichen Überlegung:

„Das Leben, wie es uns auferlegt ist, ist zu schwer für uns, es bringt uns zuviel Schmerzen, Enttäuschungen, unlösbare Aufgaben. Um es zu ertragen, können wir Linderungsmittel nicht entbehren.“ [1]

Der Kürze und Einfachheit halber seien die von Freud beobachteten Linderungsmittel hier aufgelistet:

  1. Gewollte Vereinsamung
  2. Unterwerfung der Natur
  3. Intoxikation
  4. Ertötung der Triebe (orientalische Lebensweisheit; Buddhismus)
  5. Libidoverschiebungen (Sublimation)

Doch das hatten wir schon be- und verhandelt.

Es geht um Kasteiung und Beherrschung, sei es der Natur, anderen Menschen, oder der je eigenen (Trieb-) Natur. Dies scheint der Preis, das Opfer, das Menschen aufzubringen haben, wollen sie in den – dadurch fragwürdig werdenden – Genuss einer Gesellschaft oder Kultur kommen. –

Ausgangspunkt dieser Entwicklung war kein Geringerer als der Philosoph René Descartes, der Wegbereiter der Aufklärung, welcher die Trennung von Körper und Geist postulierte, wobei eben der Geist oder der Verstand über Körper und Natur herrschen sollte. Für die Naturwissenschaften ein enormer Gewinn, wenn nicht gar Freifahrtschein, für die Humanwissenschaften desaströs. Denn bei einer Herrschaft des Verstandes über die Natur kommt es einerseits zu Verdrängungen, andererseits zu Berechnungen und Berechenbarkeiten auch noch in Humanwissenschaften wie Psychologie und Soziologie. Das eben ist der Preis, den eine aufgeklärte, herrschende Kultur oder Gesellschaft für ihre Herrschaft bezahlt: Die Entmenschlichung der Menschen, welche nur noch als statistische, handhabbare Größen gesellschaftsfähig scheinen.

» Seit je hat Aufklärung im umfassendsten Sinn fortschreitenden Denkens das Ziel verfolgt, von den Menschen die Furcht zu nehmen und sie als Herren einzusetzen. Aber die vollends aufgeklärte Erde strahlt im Zeichen triumphalen Unheils. Das Programm der Aufklärung war die Entzauberung der Welt. Sie wollte die Mythen auflösen und Einbildung durch Wissen stürzen.« [2]

Aufklärung – so gesehen – erscheint als ein genuin europäisches Phänomen, welches allerdings einen fundamentalen Widerspruch in sich trägt: Einerseits soll ein aufgeklärter Mensch frei von Vorurteilen sein, andererseits soll er grundsätzlich keinerlei Autoritäten anerkennen. Das ebendies auch ein Vorurteil ist: Den Fetisch des eigenen, scheinbar selbständigen Denkens, einst gedacht als von aller Herrschaft und Autorität emanzipierend und gegen sie aufbegehrend, festzuhalten, erscheint als Dogma und ureigenstes Vorurteil aufklärerischen Denkens. –

Was bleibt, ist die Möglichkeit, Zeitalter und Projekt der Aufklärung historisch zu lesen und zu betrachten: Schließlich waren es Kampf und Aufbegehren gegen ungerechte Herrschaft seitens Kirche und Aristokratie, welche dem aufklärerischen Denken Kraft und Legitimation zu geben vermochten.

„Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, daß die Menschen gemeinhin mit falschen Maßstäben messen, Macht, Erfolg und Reichtum für sich anstreben und bei anderen bewundern, die wahren Werte des Lebens aber unterschätzen.“ [3]

Der Mensch als Prothesengott

Einst erfand ein Mensch das Rad. Später traten Verbrennungsmotoren, Automobile, Eisenbahn und Flugzeuge hinzu. Dies alles schienen Errungenschaften, welche es den Menschen ermöglichten, räumliche Distanzen schneller und bequemer zu überwinden, als – per pedes – mit Sandale und Wanderstab. Technik konnte den Menschen helfen, Unbillen der Natur gerüstet entgegenzutreten, um es sich so in seiner menschlichen Welt bequem zu machen, und es sich gut gehen zu lassen.

„Der Mensch ist sozusagen eine Art Prothesengott geworden, recht großartig, wenn er alle seine Hilfsorgane anlegt, aber sie sind nicht mit ihm verwachsen und machen ihm gelegentlich noch viel zu schaffen. […] Ferne Zeiten werden neue, wahrscheinlich unvorstellbar große Fortschritte auf diesem Gebiete der Kultur mit sich bringen, die Gottähnlichkeit noch weiter steigern. Im Interesse unserer Untersuchung wollen wir aber auch nicht daran vergessen, daß der heutige Mensch sich in seiner Gottähnlichkeit nicht glücklich fühlt.“ [4]

Diese Hybris – als Selbstüberschätzung, Anmaßung einer Gottgleichheit, und eines Hochmutes – erkannte Sigmund Freud 1930 in seiner kulturkritschen Schrift „Das Unbehagen in der Kultur“. Eine Entfremdung – über den Begriff hatten wir schon nachgedacht – geht mit den technischen Fortschritten einher, ist unvermeidlich, scheint der Preis für Herrschaft des Menschen über die Natur.

Was beobachten wir heute?

Junge Menschen, die – fasziniert von und verführt durch neueste Technologien – den Anstrengungen enthoben sind, eine Landkarte mit Kompass zu lesen oder einen ausgedruckten Fahrplan an Bushaltestelle oder U-Bahn. Man kann das – kulturkonservativ – beklagen oder auch nicht, es gehört jedenfalls und einfach zu der modernen „Realität“ und „Welt“.

 

„Wer Wissenschaft und Kunst besitzt,

hat auch Religion;

wer jene beiden nicht besitzt,

der habe Religion!“ [5]

 

Wie weit soll es noch gehen, wohin führt der Weg? –

Eventuell zum Menschen hin, vielleicht ist dort ein Steg.

 

[1] Freud, S. 73

[2] Horkheimer / Adorno, S. 9

[3] Freud, S. 65

[4] Freud, S. 87

[5] J.W. Goethe, Zahme Xenien IX (Gedichte aus dem Nachlaß)

 

Weiterführende Informationen / Literaturhinweise

Freud, Sigmund. Abriß der Psychoanalyse. Das Unbehagen in der Kultur. Fischer Taschenbuch Verlag GmbH, Frankfurt am Main, Oktober 1953. (Vorliegende Ausgabe: 1972)

Gruen, Arno. Wider den Gehorsam. J. G. Gotta’sche Buchhandlung, Stuttgart: 2014.

Gruen, Arno. Verratene Liebe – falsche Götter. J. G. Gotta’sche Buchhandlung, Stuttgart 2003.

Honneth, Axel. Kampf um Anerkennung. Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft 1129, Frankfurt am Main 1992.

Honneth, Axel. Pathologien der Vernunft. Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft 1835, Frankfurt am Main 2007.

Horkheimer, Max / Adorno, Th. W. . Dialektik der Aufklärung.

Marquard, Odo. Skepsis und Zustimmung. Darin: Playdoyer für die Einsamkeitsfähigkeit. Reclam 9334. Stuttgart: Reclam 1994.

 

Berlin, im Juli 2018

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *