Der Mensch und seine Identität

Menschen sind denkende Wesen. In der Philosophie geht es um eine denkerische Distanz zur Realität und zur Praxis. Erst denken, dann handeln. Die Beitragsserie setzt sich mit Selbstreflexion, Kulturkritik und Bildung auseinander und mit der von Theodor W. Adorno geforderten Erziehung zur Mündigkeit.

 

Es ist schon eine Weile her, nämlich im Wintersemester 1997/98, da besuchte ich ein Seminar zu Sigmund Freud’s kulturkritscher Schrift »Das Unbehagen in der Kultur« in einem meiner Nebenfächer, der Religionswissenschaft. Nun herrscht bei Vorstellungen, was dieses Fach be- und verhandelt, das gängige Missverständniss, es müsse doch um die verschiedenen Erscheinungsformen von Religion gehen, also um eine Art Religionsphänomenologie. Dies war seinerzeit nicht der Fall: Vielmehr wurde Religionsphilosophie, Kulturkritik und Psychoanalyse gelehrt und gelernt, und eben diese Ausrichtung führte zu der Abhaltung des besagten Seminars, zu dem ich meine Hausarbeit »Identität, Sucht und Sog, Balance« verfasste.

Um der Leserschaft die Inhalte dieser Arbeit näherzubringen, hier eine Art mittelgroßes brainstorming. –

 

In diesem ersten Teil soll es um den Menschen und seine Identitäüt gehen.

 

Da zu diesem Begriff zahlreiche Fachliteratur psychologischer sowie soziologischer Provenienz (Herkunft) existiert, möchte ich die mir plausibelsten Theorien hier kurz erörtern.

 

Da ist zunächst Sigmund Freud, der mit seiner Dreiteilung in Es, Ich und Über-Ich den Versuch unternahm, den Menschen zu beschreiben. Sicherlich – dieser Einwand ist durchaus berechtigt – besteht darin noch keine Identitätstheorie; auch hat Freud selbst den Begriff einer »Identität« selber nie verwendet. Auch hat er mit seinem Drei-Instanzen-Modell gängige Vorstellungen von einer Identität eher ins Wanken gebracht als gestützt, aber das scheint ob eines Erkenntnisgewinns eben unerlässlich…. –

 

»Der Mut zum Sein« lautet der Titel einer Schrift von Paul Tillich, einem evangelischen Theologen und Religionsphilosophen, der 1933 – nach Veröffentlichung seiner antinationalsozialistischen Schrift »Die sozialistische Entscheidung« – in die USA auswanderte.

 

Beeindruckend einfach, und daher leichter handhabbar erscheint seine Zweiteilung: Hier ist von dem Mut, man selbst zu sein (Mut und Individuation) und dem Mut, Teil eines Ganzen (Mut und Partizipation) die Rede. Zu beachten ist, dass ein Überwiegen einer der beiden Arten von Mut zum Sein zerstörerisch wirkt: Wer zu eigenbrötlerisch und individuell daher kommt, kann schon einmal die soziale Gruppe sprengen, und wer sich dieser über die Maßen anpasst, läuft Gefahr, sein Selbst und seine Individualität zu zerstören und zu verlieren. – Es gilt, die beiden Arten des Mutes zum Sein in einen Ausgleich zu bringen, zu balancieren, so dass weder die soziale Gruppe noch das Individuum das Nachsehen haben oder zerstört werden.

 

Eine ähnliche Zweiteilung nimmt der Sozialpsychologe G.H. Mead in seinem Werk »Geist, Identität und Gesellschaft« vor, wenn er vom »I« und »me« spricht. Hier mit dem »I« der individuelle Anteil, mit dem »me« der soziale Anteil der Identität eines Menschen gemeint. Dabei kulminieren die verschiedenen »me«’s im »self«, will sagen, die Summe aller Zugehörigkeiten zu verschiedenen sozialen Gruppen wie etwa Familie, Schulklasse, regionale Gruppen, Glaubensgemeinschaften (religiöse Gruppen), soziale Schichten (Unterschicht/Arbeiterklasse, bildungsspezifische Schichten, Enklaven, Subkulturen) vereinen sich im »self«. Bemerkenswert erscheint bei Mead der Gedanke eines Ausgleichs, einer Balance beider Anteile der Identität in Teil III Identität; 26. Die Verwirklichung der Identität in der gesellschaftlichen Situation und Teil IV Gesellschaft; 35. Die Verschmelzung von »I« und »me« in der gesellschaftlichen Aktivität. –

 

Während Hermann Hesse, der zartbesaitete, zu Hyperindividualismus neigende Schriftsteller, in seinem »Demian« recht düstere Aussichten propagiert (»Kein Mensch ist jemals ganz und gar er selbst gewesen; […]«; Demian, S. 8), stellt Mead immerhin die Möglichkeit einer Synthese der scheinbar widerstreitenden Anteile einer Identität vor. – Dies nur als Randbemerkung. –

 

»Der Mensch kann nicht darauf verzichten, mensch zu sein. Er muß denkener muß hinausgehen über das Vorgegebene. Ist das aber geschehen, gibt es kein Zurück. Er kann nicht denkend das Denken aufheben; er kann nicht bewußt auf das Bewußtsein verzichten.«

(Tillich, Die sozialistische Entscheidung, S. 48)

 

Im zweiten Teil (vier Teile zum Thema »Der Mut zum Sein« sind geplant) soll es um Sucht, Sog, Selbsttäuschung und -enttäuschung gehen.

 

 

Dr. Christian Ferch, Berlin, im Mai 2018

 

Weitere Informationen / Literatur

 

Ferch, Christian. Elemente einer allgemeinen Kommunikationstheorie. Darin: Kap. 3. Kommunikation und Identität; S. 160 – 195. Books on Demand, Norderstedt, 2015.

Freud, Sigmund. Das Ich und das Es. Metapsychologische Schriften. Fischer Taschenbuch Verlag GmbH Fraknfurt am Main: 1992.

Krappmann, Lothar. Soziologische Dimensionen der Identität. Klett-Cotta, Stuttgart: 1961.

Mead, Gerorge Herbert. Geist, Identität und Gesellschaft. Suhrkamp Verlag, Frankfurt / Main, 1968.

Tillich, Paul. Der Mut zum Sein. Berlin; New York: De Gruyter 1991.

Tillich, Paul. Die sozialistische Entscheidung. Berlin: Medusa Verlag Wölk + Schmidt 1980.

Weilmeier, Christian: Philosophische Gedanken über das Spannungsverhältnis von Individuum und Gesellschaft. Neue Debatte, 21. Juni 2017.

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