Die Macht hinter den Worten

  1. Februar 2017 Neue Debatte

Der herrschaftsfreie Diskurs von Jürgen Habermas ist ein reizvolles Modell: Diskussion auf Augenhöhe. Der Austausch von Inhalten. Die Akzeptanz des besseren Arguments. Doch das ist eine Utopie. Der Philosoph Dr. Christian Ferch schreibt über die Macht hinter den Worten.

Es mag sich ja schön und gut anhören, was Jürgen Habermas da an Gedanken zu seinem herrschaftsfreien Diskurs geäußert hat. Da ist von Gleichberechtigung, Begegnung auf gleicher Augenhöhe, symmetrischer Kommunikationssituation und dem zwanglosen Zwang des besseren Arguments die Rede.

Schaut man einmal genau hin, so wird klar, dass allein die Bestimmung, welches nun das „bessere Argument“ sei, Machtausübung bezüglich einer „Wahrheit“ beinhaltet. Diese sollte zwar – nach Habermas – im Diskurs selbst sich herauskristallisieren, doch offen bleibt, wie dies – herrschaftsfrei – vonstattengehen soll: Wer beurteilt, was Wahrheit ist, und was eben nicht?

Hier bietet Habermas zwei unterschiedliche Wahrheitstheorien an: Die Konsensustheorie der Wahrheit und die ontologische Wahrheitstheorie. Bei einem Konsensus handelt es sich um die mögliche Zustimmung aller am Diskurs beteiligten und von ihm betroffenen Teilnehmer, bei der ontologischen Wahrheitstheorie um die Wahrheit eines Experten, eines kompetenten Beurteilers. Nun ergibt sich allerdings das Problem einer Beurteilung der Beurteilerkompetenz, usw. usf. …

Jürgen Habermas zählt zu den meistrezipierten Philosophen und Soziologen der Gegenwart. (Wolfram Huke, CC BY-SA 3.0)

Immer ist hier – was hier plausibel herausgestellt werden sollte – eine gewisse Macht im Spiel, Macht, welche Habermas entweder kategorisch aus seiner Diskurstheorie ausschließt, oder sie zumindest nicht sieht, ignoriert.

Anders da der französische Philosoph Paul-Michel Foucault: Sein zentrales Thema ist eben „Macht“, in all ihren Erscheinungsformen und Facetten. Dabei entdeckt er neben den unterdrückenden Funktionen von Macht allerdings deren produktiven Charakter: Durch sie werden erst Handlungs- und Freiräume geschaffen, Gesellschaften zusammengehalten usw.

Zu einer adäquaten Kritik der Macht, gehört eben auch, neben ihren repressiven Wirkungen ihr produktives Wesen mit zu berücksichtigen, wie selbst Foucault es anmahnt:

„Man muss aufhören, die Wirkungen der Macht immer negativ zu beschreiben, als ob sie nur „ausschließen“, „unterdrücken“, „verdrängen“, „zensieren“, „abstrahieren“, „maskieren“, „verschleiern“ würde. In Wirklichkeit ist die Macht produktiv; und sie produziert Wirkliches. Sie produziert Gegenstandsbereiche und Wahrheitsrituale: das Individuum und seine Erkenntnis sind Ergebnisse dieser Produktion.“ (aus: Foucault, Überwachen und Strafen, S. 250)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *