Alte Sachen… –

Im Zuge einer nicht völlig ungerechtfertigten Zeitgeistkritik – Schubladendenken sowie Pathologisierungslabelling scheinen an der Tagesordnung – schaute ich einmal mehr in mein Archiv, wo ich einen Artikel aus meiner Studentenzeitung »Die Spitze« von 1998 fand, welcher bei genauem Hinsehen nichts an Aktualität eingebüßt hat:

»Mittelmäßigkeit

Das Wort Mittelmäßigkeit an sich hört sich zunächst einmal negativ konnotiert an, doch sollte man einmal etwas genauer hinsehen: In Mittelmäßigkeit stecken zwei Worte: Mittel und Mäßigkeit. Mittel bedeutet – au­ßer dem nicht zu unterschätzenden empiri­schen Mittel – auch Mitte, Zentrum. Und wer möchte nicht gern in der Mitte, im Zen­trum sich befinden. Wer möchte nicht seine eigene Mitte, sein Gravitätszentrum gefun­den haben? Doch hier kommt etwas anderes ins Spiel: Die Gesellschaft, die Umgebung. Was nützt ein eigenes Gravitätszentrum, wenn es sich nicht einzuordnen imstande ist in eine Gesellschaft oder soziale Gruppe?

Mit diesem oder diesen anderen kommt dann eben eine Mäßigkeit ins Spiel, eine Mäßigkeit, die – soziologisch gesehen – den Einfluß der Umgebung auf das Subjekt und – psychologisch gesehen – die Notwendigkeit eines Umfeldes zu einer Identifikation im­pliziert.

Daher ist ein Mut zum Sein auch immer ein Mut zur Mittelmäßigkeit, zur Balance, zur Balance zwischen Individuation und Partizi­pation.

Dabei sollte man eines nicht vergessen: Mut zur Mittelmäßigkeit heißt auch Mut zur Mä­ßigkeit, zum Maß, und ein solches Maß be­inhaltet auch eine Handlungsweise gemäß der – finanziellen, physischen und psychi­schen – Mittel.«

(Aus: Die Spitze 6; 1998)

 

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