Über die Willkürlichkeit (Arbitrarität) eines sprachlichen Zeichens

Um unseren Sprachgebrauch sowie dessen Hintergründe und Bedingungen zu reflektieren und zu erforschen, hier ein weiteres Mal der Vorschlag eines Ausflugs in die Sprachwissenschaft.

Im ersten Teil (Allgemeine Grundlagen) seiner Schrift „Grundfragen der allgemeinen Spachwissenschaft“ spricht Ferdinand de Saussure in § 2. von der Beliebigkeit des Zeichens:

„Das Band, welches das Bezeichnete mit der Bezeichnung verknüpft, ist beliebig; und da wir unter Zeichen das durch die assoziative Verbindung einer Bezeichnung mit einem Bezeichneten erzeugte Ganze verstehen, so können wir dafür auch einfacher sagen: das sprachliche Zeichen ist beliebig.“[1]

Erklärt und verstanden werden kann dieser Grundsatz durch folgendes Beispiel: Warum nennen wir bestimmte Gegenstände gerade „Tisch“ und andere „Stuhl“? Könnte es nicht auch umgekehrt sein? Warum nennen wir einen Tisch nicht „Lampe“ und einen Stuhl „Birne“?

Hier gilt es, eine weitere Überlegung in Rechnung zu stellen: Die Konvention. Das Wort stammt aus dem Lateinischen, von convenire, und bedeutet, zusammen- oder übereinkommen. Die Mitglieder einer Sprachgemeinschaft habe sich geeinigt, einen Tisch „Tisch“, und einen Stuhl „Stuhl“ zu nennen.

„Tatsächlich beruht jedes in einer Gesellschaft rezipierte Ausdrucksmittel auf einer Kollektivgewohnheit, oder, was auf dasselbe hinauskommt, auf der Konvention.“[2]

Nun scheint es einen Einwand zu geben gegen das Prinzip der Beliebigkeit des sprachlichen Zeichens: Die Onomatopoetika, die Lautmalereien. Beispielsweise anzunehmen, eine Kuh wurde nach den Geräuschen, welche sie von sich gibt, so benannt, gehört zu diesen als Ausnahmen zu bewertenden Namensgebungen.

Schon der französische surrealistische Maler René Magritte war sich diesem verunsichenden Umstand bewusst: Auf einem Bild schrieb er unter eine brennnde Kerze „le plafon“ (dt. die Decke), unter einen Herrenhut, eine Melone „la neige“ (dt. der Schnee). –

Es bleibt also bei dem Grundsatz der Beliebigkeit des sprachlichen Zeichens.

 

[1] Ferdinand de Saussure: Grundfragen der allgemeinen Sprachwissenschaft, S. 79.

[2] Ferdinand de Saussure: Grundfragen der allgemeinen Sprachwissenschaft, S. 80.