Sucht, Sog und Selbsttäuschung

Gemeinschaft, Gesellschaft, Unbehagen durch Triebversagungen und Mittel dagegen. Dies sind Themen oder Begriffe, deren sich der Wiener Arzt Sigmund Freud in seiner Schrift Das Unbehagen in der Kultur angenommen hat, um einer conditio humana (dt.: Die Bedingung des Menschen; s. auch das gleichnamige Buch von Helmuth Plessner) analytisch auf die Spur zu kommen.

Bei der Betrachtung des Verhältnisses von Individuum und Gesellschaft verortete er eine soziale Leidensquelle, welche diesem Verhältnis inhärent ist und den Menschen zu schaffen macht. Freud stellte fest:

 

  1. Leben besteht aus Leiden, Enttäuschungen, Triebversagungen und unlösbaren Aufgaben.
  2. Daher bedienen sich Menschen verschiedenster Linderungsmittel, als da sind:

 

  1. Gewollte Vereinsamung
  2. Unterwerfung der Natur
  3. Intoxikation
  4. Ertötung der Triebe (orientalische Lebensweisheit; Buddhismus)
  5. Libidoverschiebungen (Sublimation)

 

Bei dem Linderungsmittel Gewollte Vereinsamung kann sich ein Individuum zwar sozialen Leidensquellen entziehen, versperrt sich jedoch auch Wege zu einer gelingenden Identifikation mit einem Gegenüber oder einer sozialen Gruppe.

Bei einer Unterwerfung der Natur ist es zwar Herr über äußere und innere – also seine eigene – (Trieb-) Natur, hat aber dafür seine Natürlichkeit – beispielsweise in Form von Trieben und Emotionen – preisgegeben, wenn nicht gar ausgelöscht.

Bezüglich der Ertötung der Triebe (orientalische Lebensweisheit; Buddhismus) ist zu bemerken, dass diese Variante der Leidvermeidung nicht jedem Individuum zugänglich, ja, völlig und vollständig gar nicht menschenmöglich, vielleicht auch gar nicht wünschenswert ist.

Zu den Libidoverschiebungen (Sublimation) ist zu sagen, dass eine Verschiebung von Trieben ins Geistige, Intellektuelle oder auch Theoretische zwar für eine gewisse Zeit ein probates Mittel der Leidvermeidung sein kann, jedoch die damit verschobenen, verdrängten und unterdrückten Triebe dann oftmals umso brachialer und ungezügelter hervorbrechen und ihre Bahn sich suchen.

 

In diesem Teil soll es vornehmlich um die dritte Art von Leidvermeidung, Intoxikation, gehen, sowie die damit verbundenen Gefahren, die sie mit sich bringt.

Zunächst sei hierzu Sigmund Freud aus seinem »Unbehagen in der Kultur« zitiert:

 

»[…] es ist die Tatsache, daß es körperfremde Stoffe gibt, deren Anwesenheit in Blut und Geweben […] die Bedingungen unseres Empfindungslebens so verändert, daß wir zur Aufnahme von Unlustregungen untauglich sind.«[1]

 

So gesehen, eine wohlfeile, schöne Sache, doch mit einem Haken: Eine Intoxikation, ein Rausch kann zwar als Leidvermeidung dienen, doch andererseits betrügt er das Individuum mit der Vortäuschung eines gesteigerten Lebens, eines Eins-Seins mit sich und der Welt, einer gelungenen Identifizierung beziehungsweise Identität durch und mit einem Gegenüber. Und gerade durch diese zunächst angenehm erscheinende Unlust- und Leidvermeidung besteht die Gefahr, dass eine wiederholte Intoxikation in eine Sucht mündet… –

 

 

Sucht

 

Doch was bedeutet »Sucht«? – Vielleicht, den Enttäuschungen und Versagungen einer Gesellschaft zu entgehen durch Selbsttäuschung mithilfe eines Rauschmittels?

 

Sigmund Freud stellt fest:

 

»Die Leistung der Rauschmittel im Kampf um das Glück und zur Fernhaltung des Elends wird so sehr als Wohltat geschätzt, daß Individuen wie Völker ihnen eine feste Stellung in ihrer Libidoökonomie eingeräumt haben.«[2]

 

Der Religionsphilosoph Klaus Heinrich nähert sich dem Thema aus einer anderen Perspektive: nämlich der eines an Fragen der menschlichen Gattung und ihrer Geschichte sowie an aktuellen Problemen der Gesellschaft interessierten Philosophen. Seine Rede »Sucht und Sog« (Zur Analyse einer aktuellen gesellschaftlichen Bewegungsform), welche er am 21. Oktober 1993 in einem Universitätsklinikum an der Freien Universität Berlin gehalten hat, mündet in der Einschätzung:

 

»Wir werden zu fragen haben, inwiefern nicht Süchte heute eingesetzt werden als Mittel, der Suchtgesellschaft zu entkommen, nicht vor ihr die Augen zu verschließen, sondern Sucht der Sucht entgegenzusetzen, aus der Suchtgesellschaft auszusteigen mittels Sucht. Sucht, so gesehen, wäre ein erster, noch untauglicher, selbst-therapeutischer Versuch, dem tauglichere therapeutische zu folgen hätten.«[3]

 

Schon im Wort »Sehnsucht« steckt einerseits das Wort »Sehnen«, andererseits das Wort »Suche« oder auch »Sucht«.

 

»Nur wer die Sehnsucht kennt, weiß was ich leide« J.W. v. Goethe, Mignon.

 

»Das Sich-Sehnen als ‚Sucht‘ – hier geht das Sehnen ins Leere, und doch verbindet sich eine geheime Erwartung mit ihm.«[4]

 

 

Sog

 

Der Begriff »Sog« versucht zu beschreiben, was psychisch in einem Individuum vor sich geht, wenn es auf dem Wege in ein Nachgeben einer Verführung, einem willigen »Eingesaugt-Werdens« ist, was allerdings in Selbstaufgabe münden kann. –

 

»So führt die Sucht in den Sog: War es in der Sucht noch ein Ausweichen vor Vereinigung und Identifikation, ist nun im Sog das Ziel eine Vereinigung durch Ausgelöschtwerden, die in Subjektlosigkeit mündet und damit von den Schwierigkeiten der Vereinigung mit anderen und der Identifikation befreit.«[5]

 

So ist es denn eine gewisse Art des Ergriffenseins, welches das Individuum von der Last und den Anstrengungen einer Identitätssuche und der damit verbundenen Balance befreit. Ergriffen von einem Kunstwerk, einem Schriftstück literarischer oder wissenschaftlicher Art, oder etwa einer politischen Bewegung, hat es teils Sicherheit und Geborgenheit gewonnen, teils seine Autonomie und Verantwortung abgegeben und verloren.

 

Dies ist die Charakteristik des Sogs.

 

»’Sog‘ als Schoßmetapher, sozusagen der Schoß in actu, der uns in Totalregression in sich hineinzuziehen verspricht, ist daher […] Grund […] aller jener gefahrvollen Situationen, die uns immer wieder die Nähe des Ausgelöschtwerdens mit selbstzerstörerischer Lockung vor Augen führen und die wir darum mit lustvollem Schauder teils herbeiführen, teils aufsuchen.«[6]

 

Im nächsten Teil wird es um Endlichkeit, Entfremdung und Balance gehen.

 

 

Weitere Informationen und Literaturhinweise

 

Ferch, Christian. Hurra, wir leiden noch: Ein Essay über Sucht und Verblendung. Neue Debatte, 29. Januar 2018.

Freud, Sigmund. Abriß der Psychoanalyse / Das Unbehagen in der Kultur. Fischer Taschenbuch Verlag GmbH, Frankfurt am Main, 1953.

 

Heinrich, Klaus. anfangen mit freud. Reden und kleine Schriften 1. Sroemfeld Verlag, Basel / Frankfurt am Main 1997.

 

[1] Als conditio humana (lateinisch für „menschliche Bedingung“) werden allgemein die Umstände des Menschseins und die Natur des Menschen bezeichnet. Siehe dazu auch das Buch von Helmuth Plessner Die Frage nach der conditio humana. Aufsätze zur philosophischen Anthropologie. Suhrkamp Taschenbuch 361, 1976.

 

[2] Sublimierung (von lateinisch sublimis, hoch in der Luft befindlich) bedeutet, dass etwas durch einen Veredelungsprozess auf eine höhere Stufe gebracht wird. In der psychoanalytischen Theorie von Sigmund Freund wird sexueller Energie wegen der Einschränkungen der menschlichen Gesellschaft und Zivilisation eine begrenzte Menge an Ausdruck zugestanden. Sie erfordert daher andere Freisetzungsmöglichkeiten, insbesondere wenn eine Person psychisch ausgeglichen bleiben soll. Freud verstand unter Sublimierung eine Umwandlung oder Umlenkung von Libido in „sozial nützliche“ Errungenschaften, in eine geistige Leistung oder kulturell anerkannte Verhaltensweise (vor allem Kreativität und Wissenschaft). Sie stellt ein Gegenstück zu den Abwehrmechanismen des Ichs dar, da sie als Aspekt der normalen Ich-Funktion gewertet wird. Weitere Informationen auf Wikipedia.

[3] Mead, George Herbert: Geist, Identität und Gesellschaft. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main, 1968.

[4] Freud, Sigmund. Das Unbehagen in der Kultur. Erstausgabe: 1930. Seite 76.

[5] Ebenda.

[6] Heinrich, Klaus: Sucht und Sog; in: anfangen mit freud. Reden und kleine Schriften 1. Stroemfeld Verlag, Basel/Frankfurt am Main, 1997. Seite 60.

[7] Ebenda, S. 42

[8] Ferch, Christian. Identität, Sucht und Sog, Balance. Hausarbeit zum Seminar „Das Unbehagen in der Kultur“. Seite 11.

[9] Heinrich, Klaus: Sucht und Sog; in: anfangen mit freud. Reden und kleine Schriften 1. Stroemfeld Verlag, Basel/Frankfurt am Main, 1997. Seite 44.

[1] (S. Freud, Das Unbehagen in der Kultur, S. 76)

[2] (S. Freud, Das Unbehagen in der Kultur, S. 76)

[3] (Heinrich, S. 60)

[4] (Heinrich, S. 42)

[5] (Christian Ferch, »Identität, Sucht und Sog, Balance«, Hausarbeit zum Seminar

»Das Unbehagen in der Kultur«, S. 11)

[6] (Heinrich, S. 44)

Der Mensch und seine Identität

Menschen sind denkende Wesen. In der Philosophie geht es um eine denkerische Distanz zur Realität und zur Praxis. Erst denken, dann handeln. Die Beitragsserie setzt sich mit Selbstreflexion, Kulturkritik und Bildung auseinander und mit der von Theodor W. Adorno geforderten Erziehung zur Mündigkeit.

 

Es ist schon eine Weile her, nämlich im Wintersemester 1997/98, da besuchte ich ein Seminar zu Sigmund Freud’s kulturkritscher Schrift »Das Unbehagen in der Kultur« in einem meiner Nebenfächer, der Religionswissenschaft. Nun herrscht bei Vorstellungen, was dieses Fach be- und verhandelt, das gängige Missverständniss, es müsse doch um die verschiedenen Erscheinungsformen von Religion gehen, also um eine Art Religionsphänomenologie. Dies war seinerzeit nicht der Fall: Vielmehr wurde Religionsphilosophie, Kulturkritik und Psychoanalyse gelehrt und gelernt, und eben diese Ausrichtung führte zu der Abhaltung des besagten Seminars, zu dem ich meine Hausarbeit »Identität, Sucht und Sog, Balance« verfasste.

Um der Leserschaft die Inhalte dieser Arbeit näherzubringen, hier eine Art mittelgroßes brainstorming. –

 

In diesem ersten Teil soll es um den Menschen und seine Identitäüt gehen.

 

Da zu diesem Begriff zahlreiche Fachliteratur psychologischer sowie soziologischer Provenienz (Herkunft) existiert, möchte ich die mir plausibelsten Theorien hier kurz erörtern.

 

Da ist zunächst Sigmund Freud, der mit seiner Dreiteilung in Es, Ich und Über-Ich den Versuch unternahm, den Menschen zu beschreiben. Sicherlich – dieser Einwand ist durchaus berechtigt – besteht darin noch keine Identitätstheorie; auch hat Freud selbst den Begriff einer »Identität« selber nie verwendet. Auch hat er mit seinem Drei-Instanzen-Modell gängige Vorstellungen von einer Identität eher ins Wanken gebracht als gestützt, aber das scheint ob eines Erkenntnisgewinns eben unerlässlich…. –

 

»Der Mut zum Sein« lautet der Titel einer Schrift von Paul Tillich, einem evangelischen Theologen und Religionsphilosophen, der 1933 – nach Veröffentlichung seiner antinationalsozialistischen Schrift »Die sozialistische Entscheidung« – in die USA auswanderte.

 

Beeindruckend einfach, und daher leichter handhabbar erscheint seine Zweiteilung: Hier ist von dem Mut, man selbst zu sein (Mut und Individuation) und dem Mut, Teil eines Ganzen (Mut und Partizipation) die Rede. Zu beachten ist, dass ein Überwiegen einer der beiden Arten von Mut zum Sein zerstörerisch wirkt: Wer zu eigenbrötlerisch und individuell daher kommt, kann schon einmal die soziale Gruppe sprengen, und wer sich dieser über die Maßen anpasst, läuft Gefahr, sein Selbst und seine Individualität zu zerstören und zu verlieren. – Es gilt, die beiden Arten des Mutes zum Sein in einen Ausgleich zu bringen, zu balancieren, so dass weder die soziale Gruppe noch das Individuum das Nachsehen haben oder zerstört werden.

 

Eine ähnliche Zweiteilung nimmt der Sozialpsychologe G.H. Mead in seinem Werk »Geist, Identität und Gesellschaft« vor, wenn er vom »I« und »me« spricht. Hier mit dem »I« der individuelle Anteil, mit dem »me« der soziale Anteil der Identität eines Menschen gemeint. Dabei kulminieren die verschiedenen »me«’s im »self«, will sagen, die Summe aller Zugehörigkeiten zu verschiedenen sozialen Gruppen wie etwa Familie, Schulklasse, regionale Gruppen, Glaubensgemeinschaften (religiöse Gruppen), soziale Schichten (Unterschicht/Arbeiterklasse, bildungsspezifische Schichten, Enklaven, Subkulturen) vereinen sich im »self«. Bemerkenswert erscheint bei Mead der Gedanke eines Ausgleichs, einer Balance beider Anteile der Identität in Teil III Identität; 26. Die Verwirklichung der Identität in der gesellschaftlichen Situation und Teil IV Gesellschaft; 35. Die Verschmelzung von »I« und »me« in der gesellschaftlichen Aktivität. –

 

Während Hermann Hesse, der zartbesaitete, zu Hyperindividualismus neigende Schriftsteller, in seinem »Demian« recht düstere Aussichten propagiert (»Kein Mensch ist jemals ganz und gar er selbst gewesen; […]«; Demian, S. 8), stellt Mead immerhin die Möglichkeit einer Synthese der scheinbar widerstreitenden Anteile einer Identität vor. – Dies nur als Randbemerkung. –

 

»Der Mensch kann nicht darauf verzichten, mensch zu sein. Er muß denkener muß hinausgehen über das Vorgegebene. Ist das aber geschehen, gibt es kein Zurück. Er kann nicht denkend das Denken aufheben; er kann nicht bewußt auf das Bewußtsein verzichten.«

(Tillich, Die sozialistische Entscheidung, S. 48)

 

Im zweiten Teil (vier Teile zum Thema »Der Mut zum Sein« sind geplant) soll es um Sucht, Sog, Selbsttäuschung und -enttäuschung gehen.

 

 

Dr. Christian Ferch, Berlin, im Mai 2018

 

Weitere Informationen / Literatur

 

Ferch, Christian. Elemente einer allgemeinen Kommunikationstheorie. Darin: Kap. 3. Kommunikation und Identität; S. 160 – 195. Books on Demand, Norderstedt, 2015.

Freud, Sigmund. Das Ich und das Es. Metapsychologische Schriften. Fischer Taschenbuch Verlag GmbH Fraknfurt am Main: 1992.

Krappmann, Lothar. Soziologische Dimensionen der Identität. Klett-Cotta, Stuttgart: 1961.

Mead, Gerorge Herbert. Geist, Identität und Gesellschaft. Suhrkamp Verlag, Frankfurt / Main, 1968.

Tillich, Paul. Der Mut zum Sein. Berlin; New York: De Gruyter 1991.

Tillich, Paul. Die sozialistische Entscheidung. Berlin: Medusa Verlag Wölk + Schmidt 1980.

Weilmeier, Christian: Philosophische Gedanken über das Spannungsverhältnis von Individuum und Gesellschaft. Neue Debatte, 21. Juni 2017.