Lachen Sie ruhig! Die Philosophen lachen lauter… –

Manch Einer hat wenig zu lachen, so sagt man landläufig, denn sein Leben erscheint ihm übermäßig beschwerlich, doch wenn er Jemandes Missgeschickes Zeuge wird, kann er sich sein Gelächter kaum verkneifen.

»Das Lachen unterscheidet Mensch und Tier. Man erkennt den Menschen stets daran, dass er zum rechten Zeitpunkt lachen kann.«, heißt es im „Timm Thaler“ von James Krüss. Hier hatte ein Jüngling sein menschliches, herzhaftes Lachen an den Baron Lefuet (rückwärts gelesen: „Teufel“!) verkauft gegen die Fähgkeit, jegliche Wetten zu gewinnen, und so zu einem reichen Mann zu werden. Ohne Lachen allerdings. War dies ein gutes Geschäft?

Warum lachen Menschen, und was steckt dahinter? –

Lachen über ein Missgeschick eines Mitmenschen: Das ist nach Sigmund Freuds psychoanalytischer Interpretation eine Triebabfuhr der Erleichterung. Erleichtert darüber, dass ihm das Missgeschick nicht selber widerfahren ist, lacht ein Mensch.

Auch Philosophen haben über das Lachen nachgedacht. Denn philosophieren bedeutet: Alles denken dürfen und müssen, nichts Menschliches gehört ausgeschlossen. Und hier – beim Ausgeschlossenen – sind wir sofort ganz nahe dran an einer philosophischen Interpretation des Lachens. Durch Lachen nämlich wird scheinbar Ausgeschlossenes eben nicht ignoriert, sondern – im Gegenteil – wieder hereingeholt in die Psyche des Lachenden und seine soziale Gruppe, denn diese wurde angesteckt durch seine Fröhlichkeit.

Gelächter und Lächerlichkeit. Dies mag zwar für den betroffenen Ausgelachten erniedrigend sein, doch ist dies immerhin das Gegenteil von Ignoranz: Der Belachte wird wahrgenommen und Mitgefühl ist ihm gewiss, selbst noch durch eine Demütigung. Wäre er ein Stein, käme ihm derartige Empathie nicht zuteil.

© Dr. Ferch, Berlin; 27. Dezember 2018

Menschlichkeit und Kompetenz – Gleichheit und Gerechtigkeit – brauchen wir Hierarchien?

Die Augenwischerei der Gleichheit aller Menschen hatte uns die Aufklärung versprochen. Ihre Ideen waren emanzipatorisch angelegt, und durch die Aussicht, mit eigenem, freien Denken zu einem freien, individuellen Individuum sich zu entwickeln, schien nicht nur verlockend, sondern ziemlich real und greifbar nahe.

Bei näherem Hinsehen und Reflektieren allerdings kommt der Pferdefuß aufklärerischen Denkens zum Vorschein: Vorurteilsfrei Denken und Handeln, ohne jegliche Autorität. Dies war die Aussicht des gelobten Landes. Doch eben dies ist ein neues Vorurteil, welches nicht als solches gesehen wird. Angefangen bei Sprache, Kultur und Religion, werden Hintergründe wie Voraussetzungen unseres Denkens und Handelns offenbar, ohne die wir nicht wären, was wir sind. Aufgeklärt und frei: Wie bitte? – Einmal Nachdenken, bitte!

»So ist denn dem Projekt und der Epoche der Aufklärung ein gehöriges Selbstmissverständnis zu bescheinigen: Sie, die eine Ablehnung jeglicher Autoritäten und Vorurteile postuliert, verkennt diese ihre Haltung als eben ihr ureigenes Vorurteil. – Auch Hans-Georg Gadamer („Wahrheit und Methode“) kann der Anerkennung einer Autorität durchaus Positives abgewinnen:

»So ist die Anerkennung von Autorität immer mit dem Gedanken verbunden, daß das, was die Autorität sagt, nicht unvernünftige Willkür ist, sondern im Prinzip eingesehen werden kann. (Gadamer, S. 264)«

(»Elemente einer allgemeinen Kommunikationstheorie«; S. 226ff; Christian Ferch)

Hoppladihopp! Unbeschwert und frei neu von Vorne zu beginnen, das wäre schön. Doch haben wir Rucksäcke, Sprachen, Denkmuster und Traditionen, ohne die wir auch nicht sein wollen, und nicht wären, was wir sind. Schon vergessen?

Besser oder schlechter, talentierter, intelligenter, ästhetischer oder kreativer gibt es nicht, so die Maxime der einheitsbeflissenen linken Ideologie. Alle Menschen sind gleich! Blickt man etwas tiefer, und reflektiert den Begriff, wird klar, dass »Ideologie« bedeutet, eigene, individuelle und persönliche Interessen als Gemeinwohl und Gerechtigkeit zu verkaufen. Ist das noch gerecht??? –

Gerecht: Was ist das? Vielleicht, einen Menschen wahrzunehmen mit all seiner Individualität und seinen Talenten?

»Komm‘ doch mal auf den Teppich!« – »Auf Deinen oder auf meinen?«

Ein erster Punkt meiner Kritik richtet sich gegen Utilitarismus, wie ich es nenne. Also Denken und lernen, um zu funktionieren, in welchem System auch immer. Der zweite schimmert durch: Die Menschen sind verschieden, und manche sind stärker oder geschickter, oder talentierter. Von „unten“ kommt dann die Ansage, die Menschen seien doch alle gleich. Dies ist in meinen Augen „Ideologie“. Die Schwächeren (an Körper oder Geist bzw. Intellekt) sagen zu den Begabten „Du bist doch gar nicht besser als ich, denn die Menschen sind alle gleich!“ – Und eben dies finde ich ungerecht. Denn Gerechtigkeit bedeutet, einem Menschen gerecht zu werden, seinen Fähigkeiten und Talenten. Vielleicht einfach einmal zu sagen: „Whow, der kann was, da komme ich nicht mit.“ Das wäre gerecht.

Dazu möchte ich abschließend bemerken:

  1. „Be- und Abwertung“ menschlicher Talente und Fähigkeiten. Die Frage ist, wer sich das Recht und damit die Macht herausnimmt, zu bewerten. Nichts und niemand hat mehr seinen Wert, sondern nur noch seinen Preis.

Th. W. Adorno spricht von einem »bürgerlichen Egalitätsideal, das nichts qualitativ Verschiedenes toleriert.« (Negative Dialektik, 1966, S. 150) Bedeutet, Erfahrungen und Kompetenzen der durchaus verschiedenen Individuen zählen nichts mehr, nurmehr positivistische Verwertbarkeit im kapitalistischen System zählen und werden bezahlt.

Weiter analysiert Adorno: »Ein Widerspruch etwa wie der zwischen der Bestimmung, die der Einzelne als seine eigene weiß, und der, welche die Gesellschaft ihm aufdrängt, wenn er sein Leben erwerben will, der >Rolle<, ist ohne Manipulation, ohne Zwischenschaltung armseliger Oberbegriffe, welche die wesentlichen Differenzen verschwinden machen, unter keine Einheit zu bringen; […]« (Negative Dialektik, S. 155)

  1. Möchte ich heraus- und klarstellen, dass es auch wohlwollende und individuelle Talente fördernde Herrscher geben kann und gibt: Sie nutzen die ihnen (durch Hierarchie) zur Verfügung stehende Macht, um Freiräume zu schaffen und Entfaltung von Talenten und persönlichkeiten erst zu ermöglichen und zu fördern. –

Diesen Erkenntnisgewinn machte ich durch ein Zitat von Michel Foucault:

»Man muss aufhören, die Wirkungen der Macht immer negativ zu beschreiben, als ob sie nur »ausschließen«, »unterdrücken«, »verdrängen«, »zensieren«, »abstrahieren«, »maskieren«, »verschleiern« würde. In Wirklichkeit ist die Macht produktiv; und sie produziert Wirkliches. Sie produziert Gegenstandsbereiche und Wahrheitsrituale: das Individuum und seine Erkenntnis sind Ergebnisse dieser Produktion. (Hervorhebung von mir; C.F.) (Foucault, S. 250)«

Diese Einsicht konnte mich überraschen und besänftigen, was meine „revolutionären“ und umstürzlerischen Gefühle gegenüber Mächtigen betraf. Gerade von einem Michel Foucault hätte ich eine derartige Einsicht nicht erwartet. –

So manches Mal wurde ich als „autoritätsgläubig“ angefeindet. Denkt man die Gedanken zu Ende, welche ich im Kapitel 4. »Kommunikation und Macht« meiner Dissertation entwickelt und reflektiert habe, wird klar, dass es sich um ein Missverständnis handelt. Wie bei den Aufklärern.

Es ist das Missverständnis von Gleichheit: An die Stelle von Chancengleichheit wird die Gleichheit von Talenten und Fähigkeiten gesetzt. Ein Beispiel: Zwei Olympioniken werfen denselben Speer durch eine Arena. Einer von ihnen wirft ihn zehn Meter weiter. Sind die beiden Sportler nun gleich???

© Dr. Christian Ferch, 23. – 25. Dezember 2018; Berlin

 

Literatur

Adorno, Th. W.. Negative Dialektik. Frankfurt am Main, Suhrkamp Taschenbuch Verlag 1966.

Ferch, Christian. Elemente einer alllgemeinen Kommunikationstheorie. Darin: Kapitel 4. „Kommunikation und Macht“. Norderstedt, Books on Demand 2015.

Foucault, Michel. Wahnsinn und Gesellschaft. Frankfurt am Main: Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft 1973.

Gadamer, Hans-Georg. Wahrheit und Methode. 2. Auflage. Tübingen: J.C.B. Mohr (Paul Siebeck): 1965.

»Warum? – Ein Gespräch.« Mein neues Buch ist fertig gestellt.

Letzten Sonnabend war es so weit: Nach Korrektur der letzten 30 Seiten des Textes sowie einer »Schlacht« mit technischen Möglichkeiten und Gegebenheiten ist das Buch fertig. Es handelt von philosophischen Dialogen über unterschiedlichste Themen, welche ich – zugegeben – der Spannung halber zugespitzt und dramatisiert habe. Doch ist eben Literatur – als eine von vielen Kunstformen – kreativ und frei… –

Otto Lilienthal

Inspiriert von der Lektüre J.W.v. Goethes, Klaus Manns, Hermann Hesses und vor allem Friedrich Nietzsches, tauschen die beiden, die aus unterschiedlichen Welten kommen, ihre Gedanken aus. Friedhelm Willenstein, Realschüler und lange Jahre Zeitsoldat, fordert Christoph Fuchs, der überlang studiert und an seiner Doktorabeit geschrieben hat, fast schon über die Maßen heraus mit seinen Fragen und seinem Wissensdurst. Bei Konflikten wegen unterschiedlicher Sichtweisen oder Geschmack weist Christoph Fuchs Willenstein darauf hin, dass die Menschen verschieden sind und es eben nicht nur eine Wahrheit gibt.

Warum? – Es könnte gestern gewesen sein. Wirklich.

Das Buch befindet sich im Druck, und ist sicherlich in der nächsten Woche in vielen shops zu erwerben.

Ich freue mich über Euer Interesse!

In Dankbarkeit, Euer CF.

Ein Gedicht aus dem Archiv – Polemisches zum Nachdenken

Einst betrat ich in den Semesterferien eines heißen Sommers ein Studentencafé der Freien Universität Berlin. Dort erblickte ich auf einem der Tische eine Kerze, welche sich durch die Sonneneinstrahlung mehr als ein wenig gekrümmt hatte. „So geht’s ja nun nicht!“, dachte ich bei mir, und unternahm den Versuch, sie gerade zu biegen. Es machte „knack“, und die Kerze war entzwei. –

„Was ist daraus zu lernen?“, räsonierte ich, und dachte darüber nach, wie Menschen manchmal miteinander umgehen, insbesondere in partnerschaftlichen Beziehungen. So entstand folgendes Gedicht, welches beidergeschlechtlich anwendbar ist. – Gebrauchslyrik also… –
Erkenntnis eines Übermenschen
Die Hitze, ach, verdrehte ihr den Kopf, das Herz.
Ich wollte beides      gerade biegen.
Doch langsam stellte ich dann fest    (mit Schmerz):
Es kann nicht alles sich zum Guten fügen.
(1995)

Der Kulturschock der Antike – das semiotische Dreieck

Um die erkenntnistheoretischen, sprachphilosophischen Reflexionen zu vertiefen, ist es gar nicht vonnöten, neueste und als modern verkaufte wissenschaftliche Erkenntnisse zu konsultieren. Ein Blick in antike und mittelalterliche Texte zu dem Thema genügt:

Angefangen mit der Schrift „peri hermeneias“ (Lehre vom Satz) von Aristoteles (384-322 v. Chr.) über Francis Bacon (1561-1626) und Edmund Husserl (1859-1938) bis zu einem Grundkurs C der Linguistik über Wortsemantik (Wintersemester 1994/95) an der freien Universität Berlin zieht sich der rote Faden der Erkenntnis, dass ein sprachlicher Ausdruck beziehungsweise ein Wort eben nicht in erster Linie einen Referenten, eine Sache, die Natur oder die Welt bezeichnet, sondern ein geistiges Konzept, einen Begriff oder eine Idee im Kopfe eines Kommunizierenden.

Das Schockierende – aber in Platons Philosophie die zentrale Entdeckung der Begriffe – daran war in der Antike, dass eben keine Eins-zu-eins-Relation zwischen einem Wort und einer Sache beziehungsweise einem Referenten besteht, was den Terminus einer „Bedeutung“ erheblich komplexer macht, als gemeinhin angenommen.

Aus diesem Wissen entwickelten Charles Kay Ogden und Ivor Armstrong Richards (The Meaning of Meaning,1923) eine Dreiecksfigur:

Diese auch als semiotisches Dreieck bekannt gewordene Figur ist immer wieder hilfreich und orientierend bei der Lektüre sprachphilosophischer Texte zu dem Thema einer „Bedeutung“.

Um die jeweiligen Entitäten (existierende Dinge oder Größen im Geist) an den Eckpunkten des Dreiecks (A, B und C) zu bezeichnen, haben verschiedenste Autoren aus verschiedenen Epochen immer andere Begriffe benutzt. Hier ein kleiner Überblick:

sprachlicher Ausdruck (A) Gedanke (B) Gegenstand /Sache (C)

vox, conceptus, res (Aristoteles)

[Stimme, Konzept / Begriff, Sache / Gegenstand]

sprl. Äußerungen, seelische Widerfahrnisse, die Dinge (Aristoteles; übersetzt)

sprl. Ausdruck, Erkenntnisbild, Sache (F. Bacon)

sprl. Ausdruck, Konzept, die Dinge (Giattini, Giovanni Battista SJ. Logica)

Ausdruck, Sinn / Bedeutung, Gegenständlichkeit (E. Husserl)

Symbol, Gedanke, Referent (C. K. Ogden und I. A. Richards)

symbol, thought or reference, referent (Ogden und Richards im englischen Original)

sprl. Ausdruck, geistiger Begriff, die Dinge (Dr. Meier-Oeser; Dozent des Hauptseminars)

sprl. Form, Begriff, Sache (Lieb)

word, idea, — (John Locke)

Ein Beispiel: Jemand spricht das Wort „Tisch“ aus, oder schreibt es auf einen Zettel. Dies wäre dann Eckpunkt A, der sprachliche Audruck, das Zeichen oder Symbol, oder the word. Dann geschieht Folgendes: Diese Wort „Tisch“, gesprochen oder geschrieben, löst im Hörer oder Leser etwas aus. Nämlich ein geistiges Konzept, einen Begriff. Was ist ein „Tisch“? Ein Tisch kann drei, vier, fünf und mehr Beine haben, und dient dazu, vor einem oder mehreren Menschen etwas abzulegen oder abzustellen: Ein Buch, einen Monitor, oder eine Speise. Dies ist dann Eckpunkt B des semiotischen Dreiecks, den man statt „Begriff“ auch „Vorstellung“ nennen kann, wobei das nichts mit Theater zu tun hat. In der sprachwissenschaftlichen Lehre von Bedeutungen (Semantik) wird noch unterschieden zwischen Prototypen- und Merkmalssemantik: Was ist der Prototyp eines Tisches, welche Art von Gegenständen werden schnell und selbstverständlich als „typisch Tisch“ erkannt? Oder andererseits: Welche Merkmale muss ein Gegenstand aufweisen, damit er als „Tisch“ bezeichnet werden kann?

Noch eine umgedrehte Clementinenkiste aus dünnem Holz, welche ein auf dem Boden kauernder Mönch vor sich aufgebaut hat, um darauf ein Buch, ein Getränk und einen Aschenbecher abzustellen, ist demnach ein „Tisch“.

Damit sind wir schon bei Eckpunkt C des semiotischen Dreiecks: Hier sind die Gegenstände der „Welt“, Dinge, Sachen oder Realitäten gemeint, welche durch ein Wort (Eckpunkt A) und einen Begriff (Eckpunkt B) gemeinsam „bezeichnet“ (R4 = Relation 4; der lange Pfeil in obiger Grafik) werden.

Nicht jeder spricht Chinesisch, doch jeder ist vom Fach, der Sprache benutzt.

Ob nun in den Köpfen der Menschen das Gleiche stattfindet, sie bei einem sprachlichen Ausdruck dasselbe denken, den gleichen Begriff „meinen“, muss offen bleiben.

Das ist schon alles Wissenswerte, was zu friedfertiger und toleranter Kommunikation beitragen kann.

Anmerkung:

Jemand sagt beispielsweise »Tisch«, und meint und versteht darunter etwas Bestimmtes. Sein Gegenüber hört das Wort, versteht darunter jedoch etwas (völlig) Anderes. Diese mögliche Differenz kann man wissen und berücksichtigen.

Einst sprach ich in diesem Zusammenhang von unhumanistischen Versuchen, »nicht bestehende Kongruenzen (oder ein Verstehen) zu erzwingen.«
Jemand kann ja auch den Versuch unternehmen, seinem Gegenüber seine Bedeutung ins Hirn zu meißeln. Das wäre dann eine »Bewusstseinsklonung«, wie ich es genannt habe.
 … –

Sprache, Denken, Logik und Wissenschaft

Wem es um Erkenntnis und Wahrheit geht, der zieht – in unserer westlichen Welt – gewohnheitsmäßig Mathematik, Logik sowie die Wissenschaften zu Rate. Dies scheint legitim und allgemein anerkannt, und dennoch bergen Erkenntnisse derartiger Provenienz (Herkunft) einen unerhörten Pferdefuß: Es ist die fatale Gläubigkeit, mit derartigen Werkzeugen oder Instrumenten wie Mathematik, Logik und Empirie die Welt und die Menschen ein für alle Mal erklären und damit auch beherrschen zu können. Privatsphäre, oder der Begriff einer »black box«, welche einst in soziologischen und psychologischen Theorien seinen festen Platz innehatten, scheint ausgemerzt, veraltet und vergessen. –

Schon Albert Camus sprach in seinem Buch „Der Mythos von Sisyphos“ (1942) von einer „blutigen Mathematik, die über uns herrscht“. Doch erscheinen seine diesbezüglichen Reflexionen und Einsichten aus heutiger Sicht ein wenig dünn und gehaltlos. Er hatte wohl andere Sorgen und Gedanken… –

Th. W. Adorno, der die Schriften Camus‘ mit Sicherheit kannte, drückt seine Aversion gegen Naturwissenschaft und Logik folgendermaßen aus:

„Dialektische Vernunft folgte dem Impuls, den Naturzusammenhang und seine Verblendung, die im subjektiven Zwang der logischen Regeln sich fortsetzt, zu transzendieren [überschreiten; C.F.], ohne ihre Herrschaft ihm aufzudrängen: ohne Opfer und Rache.“ [1]

Selbst wenn Adorno hier einen seiner polemisierenden Lieblings-Kampfbegriffe verwendet, nämlich den einer „Verblendung“, sollte dem aufmerksamen Leser dessen pazifistische Ethik nicht entgehen: Auch dialektische Vernunft, welche Adorno als Alternative zu traditionellen Denkweisen anbietet, will gar nicht herrschen, sondern koexistierend und gleichberechtigt wahrgenommen sein:

ohne Opfer und Rache.

Andererseits und weiter wettert Adorno in seinem ihm eigenen, scharf analysierenden, nahezu zynisch anmutenden Sprach- und Denkstil:

„Die formale Logik war die große Schule der Vereinheitlichung. Sie bot den Aufklärern das Schema der Berechenbarkeit der Welt.“ [2]

Da soll man mal ruhig bleiben, insbesonderer in unserer westlichen, wissenschaftsgläubigen Welt. Schon Sigmund Freud sprach mit Blick auf das Gewicht von Logik und Wissenschaft im Okzident vom „Gott Logos“, um die religionsanaloge Affinität zu gewissen Denkgewohnheiten herauszustellen. Zu einer Religion gehören unter anderem Rituale, und damit zurück zu Max Horkheimer und Th. W. Adorno:

„Die mathematische Verfahrensweise wurde gleichsam zum Ritual des Gedankens.“ [3]

Zu diesen polemisierend-reflektierenden Gedanken gesellt sich die Erkenntnis des sprachlichen Relativitätsprinzips: Diese als „linguistic turn“ in die Wissenschaftsgeschichte eingegangene Einsicht mahnt normalerweise einen jeden Wissenschaftler und Philosophen zu Bescheidenheit. Denn die Sprache und die Begriffe, mit deren Hilfe er zu seinen Wahrheiten gelangt, hat er ja selber nicht erfunden, und er scheint sich oftmals nicht gewahr, dass er in ebendiesem Käfig fleißig seine Runden dreht. –

„Die Kategorien und Typen, die wir aus der phänomenalen Welt herausheben, finden wir nicht einfach in ihr; ganz im Gegenteil präsentiert sich die Welt in einem kaleidoskopartigen Strom von Eindrücken, der durch unseren Geist organisiert werden muß – das aber heißt weitgehend: von dem linguisitischen System in unserem Geist.“ [4]

Dies bedeutet – kurz und knapp und mit Kant gesagt: Hier ist die Natur oder die „Welt“, welche die Menschen dort eben nur erkennen können mittels Sprache und Begriffen, die die „Welt“ zurechtschneidet nach unserem Geist und dessen Sprache:

„Diese Tatsache ist für die moderne Naturwissenschaft von großer Bedeutung. Sie besagt, daß kein Individuum Freiheit hat, die Natur mit völliger Unparteilichkeit zu beschreiben, sondern eben, während es sich am freiesten glaubt, auf bestimmte Interpretationsweisen beschränkt ist.“ [5]

Dies führt natürlich und unweigerlich in Abhängigkeiten, von denen die des Geistes von der jeweiligen Sprache „nur“ eine ist, jedoch eine fundamentale, deren Reflexion Freiheiten und neue Perspektiven eröffnen kann und sollte.

„[…] wird die Tatsache, daß Sprachen die Natur in vielen verschiedenen Weisen aufgliedern, unabweisbar. Die Relativität aller begrifflichen Systeme, das unsere eingeschlossen, und ihre Abhängigkeit von der Sprache werden offenbar.“ [6]

Wem diese Überlegungen zu theoretisch erscheinen, der möge einmal seinen Blick werfen auf die unterschiedlichen Bezeichnungen von beispielsweise Reis: Wieviele existieren in der deutschen Sprache, wieviele bei den Chinesen? – Wieviele unterschiedliche Arten von Schnee kennt ein Deutscher, der sich – bestenfalls – einen Skiurlaub in den Alpen leisten kann? Ein Eskimo würde ihn belächeln: „Du kennst also vier oder fünf verschiedene Sorten Schnee? Dann hast Du etwas von unserer wunderbaren Welt nicht verstanden, und bist meines Mitleids würdig und gewiss.“

„Wenn Erkenntnis sprachlich verfaßt ist, so das Argument, läßt sie sich nicht losgelöst von Sprache untersuchen. In diesem Sinne ist es zu verstehen, daß Sprachphilosophie zur grundlegenden Disziplin der Philosophie geworden ist: Der Erkenntnisanspruch der Philosophie wird durch die Analyse der Sprache der Philosophie geprüft und kritisiert. Und insoweit die Philosophie sich mit den Erkenntnisansprüchen von Wissenschaft, Literatur, Kunst, Religion usw. auseinandersetzt, hat sie die Sprachphilosophie als Grundlagendisziplin auch in die zugeordneten theoretischen Disziplinen wie Wissenschaftstheorie, Literaturtheorie, Kunsttheorie, Theologie usw. hineingetragen. Diese Entwicklung wird häufig als sprachphilosophische Wende („linguistic turn“) der Philosophie beschrieben.“ [7]

Dem ist nichts hinzuzufügen. Nur, dass man das – bei Interesse – längst hätte wissen können. –

Nun werde ich schweigen.

 

Quellen

 

[1] Th. W. Adorno: Negative Dialektitk, S. 145.

[2] Horkheimer/Adorno: Dialektik der Aufklärung, S. 13

[3] Horkheimer/Adorno: Dialektik der Aufklärung, S. 31f

[4] Benjamin Lee Whorf: Sprache, Denken, Wirklichkeit, S. 12.

[5] Ebd., S. 12.

[6] Ebd., S. 13

[7] Gottfried Gabriel: Grundprobleme der Erkenntnistheorie, S. 13

 

Literatur

 

Adorno, Th. W.. Negative Dialektik. Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main: 1966, 1967, 1970, 1973.

Camus, Albert. Der Mythos von Sisyphos. Ein Versuch über das Absurde. Rowohlt Taschenbuch Verlag, Hamburg 1959.

Gabriel, Gottfried. Grundprobleme der Erkenntnistheorie. Ferdinand Schöningh Verlag, Paderborn: 1993.

Whorf, Benjamin Lee. Sprache – Denken – Wirklichkeit. Rowohlt Taschenbuch Verlag GmbH, Reinbek bei Hamburg: 1963.

Die Philosophie gibt es gar nicht

Schon oft – zu oft – wurde die Frage an mich herangetragen, was denn zu diesem oder jenem Problem aus der Lebenspraxis „die“ Philosophie zu sagen hätte. Meine Antwort musste wiederholt lauten: „Die Philosophie gibt es gar nicht!“ – Will sagen, dass es eben nicht nur eine, oder die eine Philosophie gibt, sondern vielmehr durchaus verschiedene und mannigfaltige Philosophien, deren Blick auf die Menschen und die Welt sehr unterschiedlich, manchmal auch gegensätzlich und sich widersprechend ausfallen kann. –

 

An einigen guten philosophischen Instituten wird diese differenzierende Sichtweise auch gelehrt. Da ist dann beispielsweise die Rede von:

 

– Theoretischer Philosophie

– Praktischer Philosophie

– Politischer Philosophie

– Sozialphilosophie

usw..

 

Eine weitere hilfreiche Unterscheidung unterschiedlicher Spielarten von Philosophie ist der zwischen Skepsis und Dogmatik. Ein dogmatischer Philosoph sagt: „Schaut her, so ist es, dies ist die Wahrheit, und das ist zu tun.“ Ein skeptischer Philosoph hingegen tritt mindestens ein, zwei Schritte zurück, betrachtet die unterschiedlichen Sichtweisen und Positionen, und mag sich nicht so recht für die eine oder andere entscheiden. Mit Bedacht setzt er sich zwischen die Stühle der herrschenden Lehren,was ihm den Ruf einbringen kann, durch sein zögerliches Räsonieren handlungsunfähig geworden zu sein. Doch handelt es sich hier um ein gehöriges Missverständnis: Gerade durch seine Unentschlossenheit entstehen Akzeptanz und Toleranz. Die Akzeptanz andersartiger Sichtweisen und Meinungen, denen er dann tolerant begegnen kann. Dies möge man Gewaltenteilung nennen, einer Teilung auch noch jener Gewalten, die die Überzeugungen sind [1], und sollte in einer Demokratie selbstverständlich sein. –

 

In eine ähnliche Kerbe schlägt Richard Rorty mit seiner Unterteilung in systematische und bildende Philosophen:

 

„Große systematische Philosophen bauen wie große Wissenschaftler für die Ewigkeit. Große bildende Philosophen zertrümmern um ihrer eigenen Generation willen. Systematische Philosophen möchten ihr Fach auf den sicheren Pfad einer Wissenschaft führen. Bildende Philosophen wollen dem Staunen seinen Platz erhalten wissen, das die Dichter manchmal hervorrufen können – dem Staunen, daß es etwas Neues unter der Sonne gibt, etwas, das (zumindest im Augenblick) nicht zu erklären und kaum zu beschreiben ist.“ [2]

 

Abgesehen davon, dass es „die Ewigkeit“ noch nie gab und auch nicht geben wird, sei an diesem Ort erinnert an das berühmte Zitat von dem griechischen Philosophen Heraklit:

 

„Alles fließt.“

 

Doch selbst dies ist nur eine von vielen möglichen Perspektiven, Menschen, Welt und Geschichte zu betrachten. Eine entgegengesetzte Perspektive betont die statischen Momente bei Menschen, Welt, Natur und Geschichte, um im Trubel des Lebens irgenwie doch noch minimale Sicherheiten zu erhaschen. Wiederholungen gehören hierzu, sie sehen im Neuen das Alte, und geben ihm damit die Sicherheit des Bekannten und Vertrauten.

Statik und Dynamik – beide Sichtweisen zu berücksichtigen, gehört meiner Auffassung nach zu einem dialektischen, Scheuklappen entbundenem Denken.

 

So kommen wir zu den alten Griechen, über deren Denken bei dem neapolitanischen Ingenieur Luciano De Creszenzo in seinen zwei Bänden über die Geschichte der griechischen Philosophie interessante Dinge in flottem Schreibstil zu erfahren sind. Niemand weiß, warum im antiken Griechenland noch selbst der ärmste Mann es wagte, sich über Menschen und Welt, Staat und Gesellschaft, Wissenschaft und Kunst Gedanken zu machen. Vielleicht lag es an der Sonne und dem mediterranen Klima? –

 

Jedenfalls und immerhin sind bei besagtem Autor unterschiedlichste Denk- und Lebenshaltungen dargestellt. Da gab es beispielsweise Kyniker und Kyrenaiker, Stoiker und Epikureer. Der Kyniker strebte danach, möglichst unabhängig und frei von Macht und Herrschaft sein Leben zu gestalten. Daher blieb er arm, und ernährte sich von Luft, Liebe und Gemüse.

 

Der Kyrenaiker hingegen sagte sich: „Was soll’s?“, und war am Königshof ein willkommener und gern gesehener Untermieter, da er meistens schwieg, oder dem Herrscher zum Munde redete. Auf diese Weise bekam er saftiges Fleisch zu essen, wahrscheinlich mit Pilzen und Sahnesauce. –

Und zum Nachtisch einen hochwertigen Ziegenkäse.

 

Quellen

[1] Dies Wendung stammt von Odo Marquard.

[2] Richard Rorty: Bildende Philosophie. In: Was ist Bildung? Eine Textanthologie, S. 51. Reclam 19008, Philipp Reclam jun. GmbH & Co. KG, Stuttgart 2012.

 

 

Literaturhinweise

 

De Creszenzo, Luciano. Geschichte der griechischen Philosophie. Zwei Bände, Diogenes Verlag.

 

Marquard, Odo. Individuum und Gewaltenteilung. Reclam 18306, Philipp Reclam jun. GmbH & Co. KG, Stuttgart 2004.

 

Von Hentig, Hartmut. Bildung. Carl Hanser Verlag München Wien, 1996.

 

Was ist Bildung? Eine Textanthologie. Reclam 19008, Philipp Reclam jun. GmbH & Co. KG, Stuttgart 2012.

Einsamkeit

Bemerkungen zur Einsamkeit

Schon der Skeptiker Odo Marquard stellte Überlegungen an zum Thema „Einsamkeit“. Dabei kam er – unter Anderem – zu der Einsicht, dass es nicht die Einsamkeit ist, welche die Menschen heute quält, sondern der Verlust der Einsamkeitsfähigkeit: Polemisierend spricht er von „symptomatischen Gegengeselligkeiten“:

„[…] kein Heil Außerhalb der Gruppe. […] [sie; C.F.] fliehen vor den Einsamkeiten […] suchthaft in Gruppen: in die Fahrgemeinschaft, die Wohngemeinschaft, die Denk- und Diskutiergemeinschaft, die Arbeitsgemeinschaft, in die Gruppe um der Gruppe – also der Nicht-Einsamkeit – willen.“ [1]

Doch beginnen wir mit den Eingangsworten der Marquard’schen Reflexionen zum Thema Einsamkeit:

„‚Es ist nicht gut, daß der Mensch allein sei‘: das steht in der Bibel, Genisis 2.18, und es ist Gott selber, der das dort sagt: Alleinsein und Einsamkeit haben miteinander zu tun: ‚wer sich der Einsamkeit ergibt, ach! der ist bald allein‘, singt der Harfner in Goethes Wilhelm Meister; und wer allein ist, wird häufig einsam sein, vielleicht unvermeidlicherweise: ‚Leben ist Einsamsein. Kein Mensch kennt den andern, jeder ist allein‘: das schrieb Hermann Hesse.“ [2]

Bald schon – ich wiederhole es – kommt Odo Marquard in seinem Vortrag vom 12. Januar 1983 im Sender Freies Berlin zu der Kernthese seines Plädoyers, dass eben nicht Einsamkeit die Malaise, das Plagende für die Menschen unserer Zeit sei, sondern der Verlust der Einsamkeitsfähigkeit. –

Nicht ohne Redundanz (so nennt die Textlinguistik eine wiederholte Anführung eines Arguments oder eine These, eines Gedankens – repetitio est mater studiosum!) beschreibt er den Einsamkeitsbedarf beispielsweise eines Wissenschaftlers oder Philosophen:

„Wissenschaft ist: alles denken wollen. Man muß ohne Rücksicht auf Folgen denken dürfen, sonst kann man nicht alles denken. Dafür braucht es einen Ort, an dem die Denkfolgen gut entsorgt sind. Der Wissenschaftler muß sozusagen Sandsäcke zwischen sich und der übrigen Welt haben: für den Fall, daß sein Denken explodiert, damit kein anderer zu Schaden kommt.“ [3]

Dies scheint nun ein Spezialfall, eben der eines Wissenschaftlers oder Philosophen. Doch auch in Normalfällen des homo sapiens sapiens erscheint besagte Einsamkeitskompetenz kommunikativ hilfreich und heilsam:

„Von dieser Einsamkeitskompetenz lebt auch unsere Kommunikationskompetenz. Wer – einsamkeitsunfähig – mit all seinen Lebensfragen alle erreichbaren Mitmenschen dauernd behelligt, kommuniziert nicht, sondern sondern wird als krankhafter Fürsorgefall unerträglich.“ [4]

Ein kurzer Blick auf Paul Tillichs „Mut zum Sein“ ermahnt uns, unsere Einsamkeit, wenn auch ’nur‘ empfunden oder gefühlt, nicht allzu tragisch zu nehmen:

„Selbst die Einsamkeit ist nicht absolut, weil das Individuum die Inhalte des Universums in sich trägt.“ [5]

Will sagen, dass selbst der Einsame einst seine Sprache gelernt hat, ja vielleicht Lesen und Schreiben, und Bäume, Flüsse und das Meer, Sonne, Mond und Sterne sehen und genießen kann. Er spricht nur nicht darüber, doch sind sie trotzdem da.

Andererseits mag es ja geschehen, dass uns nach einem halben, einem, oder gar erst nach einem Jahrzehnt ein Mensch begegnet, welcher bestimmte Gedanken, Gefühle, oder Ästhetizismen mit uns teilt. Oder dass wir uns durch einen längst vergessenen Schriftsteller oder Künstler in ebendiesen Sphären verstanden und bestätigt fühlen. –

Zurück zu Odo Marquard: Humor, Bildung und Religion – dies ist seiner Auffassung nach das Handwerkszeug, aus dem – jeder für sich, Gott für uns alle – eine Einsamkeitsfähigkeit geschmiedet sein kann: Er spricht von Humor als einer bekömmlichen Dinstanz zu sich selber, also auch einer Distanz zur eigenen Einsamkeit und damit einer Vermeidung von Übererwartungen:

„Wer stets nur mit gelingender Superkommunikation zufrieden ist, verurteilt sich selber zur Einsamkeit; wer sogar vom Standbild auf dem nächsten Platz erwartet, daß es ihm um den Hals fällt, und sich einsam fühlt, wenn es das – wie bei Standbildern üblich – nicht tut, gehört zu den Genies der Verzweiflungserzeugung.“ [6]

Kurz, wer mit seinen Pflanzen spricht, und sich wundert, dass diese – erst einmal und wie üblich – nicht antworten, oder die Sonne am Morgen begrüßt mit den Worten: „Na, ,wie geht es Dir?“, und sie eben wundersamerweise nicht antwortet: „Blendend!“, dem mangelt es offensichtlich an Humor, und damit an Einsamkeitsfähigkeit.

Bildung – und über Bedeutungen und Auslegungen des Begriffs wird noch zu sprechen sein – gehört nach Marquard weiterhin zu den Einsamkeitsfähigkeit fördernden Kompetenzen:

„[…]: keine Alles- und Besserwisserei, sondern die Ausdehnung des Aktionsradius der Merk- und Genußfähigkeit dadurch, daß man nicht auf unmittelbare Präsenzen angewiesen bleibt; […]“ [7]

Merken und genießen kann man beispielsweise Bücher, Bilder, Tonfolgen, und so die Lebenkunst erlernen, auch allein nicht allein zu sein. –

Kommen wir zum dritten Werkzeug, welches Marquard zur Einsamkeitsfähigkeit empfiehlt: Religion. Es mag schon angehen, dass es Menschen gibt, welche vermeinen, nicht zu glauben, doch wissen sie, dass sie nicht glauben, oder glauben sie es nur? – Glaube: Das muss nicht immer die Überzeugung sein, dass ein überirdisches Wesen existiert, sei es nun Gott, Allah oder Jahwe genannt. Es genügt schon, beispielsweise an das Gute im Menschen, den gesunden Menschenverstand, die Gerechtigkeit, die Gesetze, die Lebendigkeit und Vitalität der Natur, oder ihre Kraft – und das betrifft unter anderem auch die Menschen – zu glauben, um überhaupt zu glauben. Das hat dann nicht nur erst einmal, sondern grundsätzlich und absolut nichts mit Konfessionsgebundenheit oder Autoritätshörigkeit zu tun. –

Zurück zu Odo Marquard, der immerhin Philosophie, Germanistik, evangelische Theologie sowie katholische Fundamentaltheologie studierte. Will sagen: Der gute Mann kannte sich schon ein wenig aus, und wusste, wovon und warum er von etwas sprach. Da kann man nur sagen: „Alle Achtung; vielleicht kann ich von dem noch etwas lernen.“ – Vielleicht auch nur, dass Philosophie treiben und dicke Bretter bohren auch lustig sein und Spaß machen kann: Eventuell schimmert ja durch das Loch im dicken Brett ein kleiner Sonnenstrahl, der uns erfreut und Kraft gibt.

„Gott ist – für den Religiösen – der, der noch da ist, wenn niemand mehr da ist. Der Nichtreligiöse glaubt, daß das nicht ausreicht: kommunikativ scheint ihm der profane Spatz in der Hand besser als die Taube auf dem Dach auch dann, wenn diese Taube den Heiligen Geist symbolisiert. Aber Menschen – sterblichkeitsbedingt einsame Lebewesen – sind seinsmäßig nicht so gestellt, daß sie es sich leisten könnten, auf solchen Trost leichtfertig zu verzichten: denn zweifellos gibt es Einsamkeitssituationen, in denen die Taube auf dem Dach – sozusagen – der einzige Spatz ist, den man noch in der Hand hat.“ [8]

So viel von dem, was Odo Marquard in seinem Vortrag vom 12. Januar 1983 im Sender Freies Berlin zum Thema Einsamkeit gesagt hat. – Einen kleinen Schritt weiter geht der Religionsphilosoph Klaus Heinrich mit seinem Einwand

„[…] mit dem ‚Es ist ja alles gesagt‘ ist alles eben erst nur gesagt […]“ [9]

Damit ist gemeint, dass Worte – ob nun schön oder unschön – eben nur Worte sind und bleiben, denen Taten zu folgen hätten, seien diese physischer oder psychischer Natur.

Was ist zu tun? –

Leben und Schweigen.

 

[1] Marquard, S. 115

[2] Marquard, S. 110

[3] Marquard, S. 118

[4] Marquard, S. 120

[5] Tillich, S. 94

[6] Marquard, S. 121

[7] Marquard, S. 121

[8] Marquard, S. 121f

[9] Heinrich, S. 28

 

Weiterführende Informationen / Literaturhinweise

Heinrich, Klaus. anfangen mit freud. Stroemfeld / Roter Stern. Basel / Frankfurt am Main 1997.

Marquard, Odo. Skepsis und Zustimmung. Darin: Plädoyer für die Einsamkeitsfähigkeit. Reclam 9334, Stuttgart 1994.

Tillich, Paul. Der Mut zum Sein. Walter De Gruyter, Berlin, New York 1991.

 

Berlin, im Juli 2018

Der Mut zum Sein (Teil 4): Das Unbehagen in der Kultur

In diesem vierten und letzten Teil soll es noch einmal um den Kerntext Sigmund Freuds gehen, dem »Unbehagen in der Kultur«, welcher Anlass bot für das gleichbenannte Seminar am religionswissenschaftlichen Institut der Freien Universität Berlin im Wintersemester 1997/98. –

Hier sei die Argumentation Freuds noch einmal kurz nachgezeichnet. Er beginnt mit einer grundsätzlichen Überlegung:

„Das Leben, wie es uns auferlegt ist, ist zu schwer für uns, es bringt uns zuviel Schmerzen, Enttäuschungen, unlösbare Aufgaben. Um es zu ertragen, können wir Linderungsmittel nicht entbehren.“ [1]

Der Kürze und Einfachheit halber seien die von Freud beobachteten Linderungsmittel hier aufgelistet:

  1. Gewollte Vereinsamung
  2. Unterwerfung der Natur
  3. Intoxikation
  4. Ertötung der Triebe (orientalische Lebensweisheit; Buddhismus)
  5. Libidoverschiebungen (Sublimation)

Doch das hatten wir schon be- und verhandelt.

Es geht um Kasteiung und Beherrschung, sei es der Natur, anderen Menschen, oder der je eigenen (Trieb-) Natur. Dies scheint der Preis, das Opfer, das Menschen aufzubringen haben, wollen sie in den – dadurch fragwürdig werdenden – Genuss einer Gesellschaft oder Kultur kommen. –

Ausgangspunkt dieser Entwicklung war kein Geringerer als der Philosoph René Descartes, der Wegbereiter der Aufklärung, welcher die Trennung von Körper und Geist postulierte, wobei eben der Geist oder der Verstand über Körper und Natur herrschen sollte. Für die Naturwissenschaften ein enormer Gewinn, wenn nicht gar Freifahrtschein, für die Humanwissenschaften desaströs. Denn bei einer Herrschaft des Verstandes über die Natur kommt es einerseits zu Verdrängungen, andererseits zu Berechnungen und Berechenbarkeiten auch noch in Humanwissenschaften wie Psychologie und Soziologie. Das eben ist der Preis, den eine aufgeklärte, herrschende Kultur oder Gesellschaft für ihre Herrschaft bezahlt: Die Entmenschlichung der Menschen, welche nur noch als statistische, handhabbare Größen gesellschaftsfähig scheinen.

» Seit je hat Aufklärung im umfassendsten Sinn fortschreitenden Denkens das Ziel verfolgt, von den Menschen die Furcht zu nehmen und sie als Herren einzusetzen. Aber die vollends aufgeklärte Erde strahlt im Zeichen triumphalen Unheils. Das Programm der Aufklärung war die Entzauberung der Welt. Sie wollte die Mythen auflösen und Einbildung durch Wissen stürzen.« [2]

Aufklärung – so gesehen – erscheint als ein genuin europäisches Phänomen, welches allerdings einen fundamentalen Widerspruch in sich trägt: Einerseits soll ein aufgeklärter Mensch frei von Vorurteilen sein, andererseits soll er grundsätzlich keinerlei Autoritäten anerkennen. Das ebendies auch ein Vorurteil ist: Den Fetisch des eigenen, scheinbar selbständigen Denkens, einst gedacht als von aller Herrschaft und Autorität emanzipierend und gegen sie aufbegehrend, festzuhalten, erscheint als Dogma und ureigenstes Vorurteil aufklärerischen Denkens. –

Was bleibt, ist die Möglichkeit, Zeitalter und Projekt der Aufklärung historisch zu lesen und zu betrachten: Schließlich waren es Kampf und Aufbegehren gegen ungerechte Herrschaft seitens Kirche und Aristokratie, welche dem aufklärerischen Denken Kraft und Legitimation zu geben vermochten.

„Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, daß die Menschen gemeinhin mit falschen Maßstäben messen, Macht, Erfolg und Reichtum für sich anstreben und bei anderen bewundern, die wahren Werte des Lebens aber unterschätzen.“ [3]

Der Mensch als Prothesengott

Einst erfand ein Mensch das Rad. Später traten Verbrennungsmotoren, Automobile, Eisenbahn und Flugzeuge hinzu. Dies alles schienen Errungenschaften, welche es den Menschen ermöglichten, räumliche Distanzen schneller und bequemer zu überwinden, als – per pedes – mit Sandale und Wanderstab. Technik konnte den Menschen helfen, Unbillen der Natur gerüstet entgegenzutreten, um es sich so in seiner menschlichen Welt bequem zu machen, und es sich gut gehen zu lassen.

„Der Mensch ist sozusagen eine Art Prothesengott geworden, recht großartig, wenn er alle seine Hilfsorgane anlegt, aber sie sind nicht mit ihm verwachsen und machen ihm gelegentlich noch viel zu schaffen. […] Ferne Zeiten werden neue, wahrscheinlich unvorstellbar große Fortschritte auf diesem Gebiete der Kultur mit sich bringen, die Gottähnlichkeit noch weiter steigern. Im Interesse unserer Untersuchung wollen wir aber auch nicht daran vergessen, daß der heutige Mensch sich in seiner Gottähnlichkeit nicht glücklich fühlt.“ [4]

Diese Hybris – als Selbstüberschätzung, Anmaßung einer Gottgleichheit, und eines Hochmutes – erkannte Sigmund Freud 1930 in seiner kulturkritschen Schrift „Das Unbehagen in der Kultur“. Eine Entfremdung – über den Begriff hatten wir schon nachgedacht – geht mit den technischen Fortschritten einher, ist unvermeidlich, scheint der Preis für Herrschaft des Menschen über die Natur.

Was beobachten wir heute?

Junge Menschen, die – fasziniert von und verführt durch neueste Technologien – den Anstrengungen enthoben sind, eine Landkarte mit Kompass zu lesen oder einen ausgedruckten Fahrplan an Bushaltestelle oder U-Bahn. Man kann das – kulturkonservativ – beklagen oder auch nicht, es gehört jedenfalls und einfach zu der modernen „Realität“ und „Welt“.

 

„Wer Wissenschaft und Kunst besitzt,

hat auch Religion;

wer jene beiden nicht besitzt,

der habe Religion!“ [5]

 

Wie weit soll es noch gehen, wohin führt der Weg? –

Eventuell zum Menschen hin, vielleicht ist dort ein Steg.

 

[1] Freud, S. 73

[2] Horkheimer / Adorno, S. 9

[3] Freud, S. 65

[4] Freud, S. 87

[5] J.W. Goethe, Zahme Xenien IX (Gedichte aus dem Nachlaß)

 

Weiterführende Informationen / Literaturhinweise

Freud, Sigmund. Abriß der Psychoanalyse. Das Unbehagen in der Kultur. Fischer Taschenbuch Verlag GmbH, Frankfurt am Main, Oktober 1953. (Vorliegende Ausgabe: 1972)

Gruen, Arno. Wider den Gehorsam. J. G. Gotta’sche Buchhandlung, Stuttgart: 2014.

Gruen, Arno. Verratene Liebe – falsche Götter. J. G. Gotta’sche Buchhandlung, Stuttgart 2003.

Honneth, Axel. Kampf um Anerkennung. Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft 1129, Frankfurt am Main 1992.

Honneth, Axel. Pathologien der Vernunft. Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft 1835, Frankfurt am Main 2007.

Horkheimer, Max / Adorno, Th. W. . Dialektik der Aufklärung.

Marquard, Odo. Skepsis und Zustimmung. Darin: Playdoyer für die Einsamkeitsfähigkeit. Reclam 9334. Stuttgart: Reclam 1994.

 

Berlin, im Juli 2018

Endlichkeit, Entfremdung und Balance

„Was ist der Mensch?“, so lautet die vierte Grundfrage der Philosophie bei Immanuel Kant. Genau dieser Frage nach der conditio humana nachzugehen, scheint die Aufgabe der Humanwissenschaften, vor längerer Zeit auch „Geisteswissenschaften“ genannt. Mit den drei Begriffen Endlichkeit, Entfremdung und Balance soll an diesem Ort der Versuch unternommen werden, zumindest Teilantworten auf die Kant’sche Frage zu liefern.

Endlichkeit

„Der Mensch ist endlich und sein Leben ist kurz: vita brevis“, so lautet die Kernthese Odo Marquards – frei nach Seneca – in seiner Rede zum Thema „Zeit und Endlichkeit“, einem öffentlichen Vortrag, gehalten am 4. Oktober 1991 in Bonn.

Nun gilt es – um die Zeit der Leserschaft nicht über die Maßen zu beanspruchen – die Marquard’schen Überlegungen kurz, aber nicht verkürzend darzustellen.

Aus der Lebenskürze des Menschen folgert Marquard

  1. dass wir nicht beliebig lange warten können, Neues zu erreichen, also zur Schnelligkeit gezwungen sind.
  2. dass wir nicht beliebig viel Neues erreichen können, da uns einfach die Zeit dazu fehlt; das limitiert unsere Veränderungsfähigkeit. (s. auch »Zukunft und Herkunft« in demselben Band)
  3. dass wir – durch unsere Lebenskürze – nicht die Wahl haben, schnell oder langsam zu handeln; wir müssen immer beides können, auch wenn es uns zu zerreißen droht: Eiler und Zögerer sein.

Aus diesen Überlegungen heraus kommt er zu dem Schluss, dass weder Schnelligkeit noch Langsamkeit anzustreben sei, sondern eben Multitemporalität, eine temporale Entzweiung, ein temporales Doppelleben, die und das von den Menschen ausgehalten sein will.

Wer das versteht und einsieht, wird Verzicht üben müssen, und Widerstand leisten gegen einen Zeitgeist, der mit seinem „schneller, höher, weiter“ die Menschen entmenschlicht und sie zu funktionierenden Marionetten zu machen versucht. So ist denn die Empfehlung, sich in Gelassenheit zu üben, und den Zeitgeist Zeitgeist, und den Gott einen guten Mann sein zu lassen.

„Je schneller das Neue zum Alten wird, desto schneller kann Altes wieder zum Neuesten werden: jeder weiß das, der nur ein wenig länger schon lebt. Darum darf man sich beim modernen Dauerlauf Geschichte – je schneller sein Tempo wird – zugleich unaufgeregt überholen lassen und warten, bis der Weltlauf – von hinten überrundend – wieder bei einem vorbeikommt. Immer häufiger gilt man dann bei denen, die überhaupt mit Avantgarden rechnen, vorübergehend wieder als Spitzengruppe: So wächst […] modern gerade durch Langsamkeit die Chance, auf der Höhe der Zeit zu sein.“[1]

„Seneca gehörte zu den wichtigsten Vertretern einer stoischen Lebensform im alten Rom. Er wurde um 4 bis 1 v. Chr. in Cordoba geboren und tötete sich auf Befehl Neros im April 65 n. Chr. nahe Rom.

Seine Schrift über die Kürze des Lebens, De breviate vitae, nimmt sich der damals wie heute drängenden Frage an, wie wir als Menschen bei begrenzter Lebenszeit unser Leben besser nutzen können beziehungsweise es nicht verschwenden oder durch ständiges Aufschieben entwerten.“ (aus der Nachschrift „Zum Autor“)

Die Lektüre von Senecas kleinem Bändchen, welche Odo Marquard zu modernisierten Reflexionen angeregt hat, ist also allemal lohnend und gewinnbringend, zumal durch sie dem Leser ein weiteres Mal klar werden kann, dass schon in der Antike – hier des römischen Altertums – Denker und Philosophen existierten, welche über Menschen und Lebenshaltungen wertvolle Gedanken produzierten:

„Trenne dich von der großen Masse, und ziehe dich auf das zurück, was ruhiger, sicherer und wichtiger ist.“ (Seneca)

 

Entfremdung

Der Begriff der „Entfremdung“ hat eine lange Geschichte: Von Blaise Pascal (17. Jahrhundert), der den Menschen als im unendlichen Weltall kosmisch entfremdet sah, über Jean-Jaques Rousseau (18. Jahrhundert), welcher das menschliche Individuum als vom Naturzustand solitärer Freiheit in die Freiheit selbstgegebener Gesetze übergegangen beschrieb, Wilhelm von Humboldt (Ende 18. Jahrhundert), der die Herausforderung des Menschen darin sah, das Fremde, das immer nur das Material und Instrumentarium, das er zu seiner Entfaltung gebraucht, um sich die Welt bewohnbar zu machen, bis hin zu G. W. F. Hegel (um 1800) und schließlich Karl Marx, der den Begriff in einer ganz weltlichen Weise gebraucht („Der Arbeiter, der seine Arbeitskraft verkauft, produziere nicht nur für sich selbst und sei zufolge der Arbeitsteilung nur ein Glied in der Produktionskette. Das Arbeitsprodukt werde ihm entfremdet, und so entfremde er sich auch von seinen Mitmenschen“), reicht die Spanne der Bedeutungen einer „Entfremdung“.

Wie man sieht, ist es gar nicht so einfach, eine einfache Begriffsbestimmung vonzunehmen, zumal bei einer historischen Betrachtung. – Was hier fokussiert werden soll sowie wichtig und aktuell erscheint, ist das Schlagwort eines Verlustes der ursprünglichen Freiheit an eine dem Individuum fremd gegenüberstehende Macht (Gesellschaft, Herrscher). Diese Idee sollte als tragendes Moment einer kulturkritischen Analyse genügen.

Noch einen kleinen, zynischen Schritt weiter gehen Horkheimer und Adorno in ihrer Dialektik der Aufklärung, welche als Kernschrift der Kritischen Theorie der Frankfurter Schule angesehen kann und wird. Hier geht es nicht nur um Entfremdung, sondern auch um Herrschaft – einerlei, ob nun über die Natur oder andere Menschen – und um Denkarten. Kritisiert wird von den Autoren das sachliche und funktionelle Denken des Industrialismus, welches den Menschen schade:

„Nicht bloß mit der Entfremdung der Menschen von den beherrschten Objekten wird für die Herrschaft bezahlt: Mit der Versachlichung des Geistes wurden die Beziehungen der Menschen verhext, auch die jedes Einzelnen zu sich. Er schrumpft zum Knotenpunkt konventioneller Reaktionen und Funktionsweisen zusammen, die sachlich von ihm erwartet werden. Der Animismus hatte die Sache beseelt, der Industrialismus versachlicht die Seelen.„[2]

 

Balance

Eine Balance – mit anderen Worten: ein Gleichgewicht – zu finden, ist eine der mannigfaltigen Herausforderungen im Leben eines Menschen.

Doch eine Balance wozwischen?

Wieder einmal der Skeptiker Odo Marquard bringt diesbezüglich die Begriffe „Einheit“ und „Vielheit“ ins Spiel. Er beschreibt zunächst zwei sich unterscheidende Philosophietraditionen: Erstens die Tradition der Einheits- und Universalisierungsphilosophien, welche von Parmenides über Platon bis zu Kant und Habermas führen. Hier geht es um den Vorrang des Einen, Allgemeinen, was eine Gleichheit aller Menschen unterstellt (oder annimmt), so dass eine Philosophie dieser Art ihre Gültigkeit für alle Menschen beansprucht, bös‘ gesagt, alle Menschen über einen Kamm schert.

Zweitens existiert die Tradition der Vielheits- oder Pluralisierungsphilosophien von der antiken Sophistik, der Skepsis, Moralistik, dem Historismus, der Lebensphilosophie bis zu der Postmoderne. Hier geht es um den Vorrang des Vielen vor dem Einen, will sagen: Des Einzelnen, Individuellen vor dem Allgemeinen oder Ganzen.

So weit, so gut, so weit so unterschiedlich die verschiedenen Denkansätze. Was ist zu tun? – Der Skeptiker schlägt sich nicht auf eine Seite, er betrachtet und beschreibt, und zwar möglichst unparteiisch. Er setzt sich mit Bedacht zwischen die Stühle der herrschenden Lehren, denn Skepsis ist – unter anderem – der Sinn für Gewaltenteilung. Einer Teilung auch noch jener Gewalten, die die Überzeugungen sind. Das ermöglicht dem Skeptiker einen Ausgleich, eine Mitte, und eben eine Balance.

In seinem Buch „Soziologische Dimensionen der Identität“ hat Lothar Krappmann ebendies im Blick: Eine balancierende Ich-Identität. Was bedeutet das? – Nun, der Begriff beschreibt die Spannung [3] zwischen den Erwartungen und Zuschreibungen einer sozialen Gruppe oder Gesellschaft, dem sich ein Mensch ausgeliefert sieht, und seinen eigenen, eben individuellen Vorlieben, Bedürfnissen und Bestrebungen. Diese konkurrierenden Momente erst einmal zu sehen und zu berücksichtigen, um sie dann – in einer Art Synthese – in Einklang zu bringen, macht den Grundgedanken Krappmanns aus: Eben das Erringen einer Balance.

„Ob man nun von Einheit und Vielheit, Universalisierungen und Pluralisierungen, Individuation und Partizipation oder dem Mut, man selbst zu sein und dem Mut, Teil eines Ganzen zu sein spricht, immer wieder ist eines gefragt: eine – oder die – Balance.“[4]

 

[1] Marquard, S. 54f

[2] Horkheimer / Adorno, Dialektik der Aufklärung, S. 34

[3] Siehe dazu Dr. Christian Weilmeiers Beitrag: Philosophische Gedanken über das Spannungsverhältnis von Individuum und Gesellschaft. Neue Debatte, 21. Juni 2017

[4] Ferch, Christian. Identität, Sucht und Sog, Balance. Hausarbeit zum Seminar „Das Unbehagen in der Kultur“. Seite 11.

 

Weitere Informationen / Literatur

Horkheimer, Max / Adorno, Theodor W.. Dialektik der Aufklärung.

Krappmann, Lothar. Soziologische Dimensionen der Identität.

Marquard, Odo. Skepsis und Zustimmung. Darin: Zeit und Endlichkeit. Sowie: Einheit und Vielheit. Philipp Reclam jun. GmbH Stuttgart: 1994.

O’Hara, Nancy. Das Wunder der Gelassenheit. Mit Buddha durch den Alltag gehen. Lotos Verlag, München: 2004 (deutsche Ausgabe).

Seneca. Von der Kürze des Lebens. Philipp Reclam jun GmbH & Co. KG, Stuttgart: 2007 / 2012.