Einsamkeit

Bemerkungen zur Einsamkeit

Schon der Skeptiker Odo Marquard stellte Überlegungen an zum Thema „Einsamkeit“. Dabei kam er – unter Anderem – zu der Einsicht, dass es nicht die Einsamkeit ist, welche die Menschen heute quält, sondern der Verlust der Einsamkeitsfähigkeit: Polemisierend spricht er von „symptomatischen Gegengeselligkeiten“:

„[…] kein Heil Außerhalb der Gruppe. […] [sie; C.F.] fliehen vor den Einsamkeiten […] suchthaft in Gruppen: in die Fahrgemeinschaft, die Wohngemeinschaft, die Denk- und Diskutiergemeinschaft, die Arbeitsgemeinschaft, in die Gruppe um der Gruppe – also der Nicht-Einsamkeit – willen.“ [1]

Doch beginnen wir mit den Eingangsworten der Marquard’schen Reflexionen zum Thema Einsamkeit:

„‚Es ist nicht gut, daß der Mensch allein sei‘: das steht in der Bibel, Genisis 2.18, und es ist Gott selber, der das dort sagt: Alleinsein und Einsamkeit haben miteinander zu tun: ‚wer sich der Einsamkeit ergibt, ach! der ist bald allein‘, singt der Harfner in Goethes Wilhelm Meister; und wer allein ist, wird häufig einsam sein, vielleicht unvermeidlicherweise: ‚Leben ist Einsamsein. Kein Mensch kennt den andern, jeder ist allein‘: das schrieb Hermann Hesse.“ [2]

Bald schon – ich wiederhole es – kommt Odo Marquard in seinem Vortrag vom 12. Januar 1983 im Sender Freies Berlin zu der Kernthese seines Plädoyers, dass eben nicht Einsamkeit die Malaise, das Plagende für die Menschen unserer Zeit sei, sondern der Verlust der Einsamkeitsfähigkeit. –

Nicht ohne Redundanz (so nennt die Textlinguistik eine wiederholte Anführung eines Arguments oder eine These, eines Gedankens – repetitio est mater studiosum!) beschreibt er den Einsamkeitsbedarf beispielsweise eines Wissenschaftlers oder Philosophen:

„Wissenschaft ist: alles denken wollen. Man muß ohne Rücksicht auf Folgen denken dürfen, sonst kann man nicht alles denken. Dafür braucht es einen Ort, an dem die Denkfolgen gut entsorgt sind. Der Wissenschaftler muß sozusagen Sandsäcke zwischen sich und der übrigen Welt haben: für den Fall, daß sein Denken explodiert, damit kein anderer zu Schaden kommt.“ [3]

Dies scheint nun ein Spezialfall, eben der eines Wissenschaftlers oder Philosophen. Doch auch in Normalfällen des homo sapiens sapiens erscheint besagte Einsamkeitskompetenz kommunikativ hilfreich und heilsam:

„Von dieser Einsamkeitskompetenz lebt auch unsere Kommunikationskompetenz. Wer – einsamkeitsunfähig – mit all seinen Lebensfragen alle erreichbaren Mitmenschen dauernd behelligt, kommuniziert nicht, sondern sondern wird als krankhafter Fürsorgefall unerträglich.“ [4]

Ein kurzer Blick auf Paul Tillichs „Mut zum Sein“ ermahnt uns, unsere Einsamkeit, wenn auch ’nur‘ empfunden oder gefühlt, nicht allzu tragisch zu nehmen:

„Selbst die Einsamkeit ist nicht absolut, weil das Individuum die Inhalte des Universums in sich trägt.“ [5]

Will sagen, dass selbst der Einsame einst seine Sprache gelernt hat, ja vielleicht Lesen und Schreiben, und Bäume, Flüsse und das Meer, Sonne, Mond und Sterne sehen und genießen kann. Er spricht nur nicht darüber, doch sind sie trotzdem da.

Andererseits mag es ja geschehen, dass uns nach einem halben, einem, oder gar erst nach einem Jahrzehnt ein Mensch begegnet, welcher bestimmte Gedanken, Gefühle, oder Ästhetizismen mit uns teilt. Oder dass wir uns durch einen längst vergessenen Schriftsteller oder Künstler in ebendiesen Sphären verstanden und bestätigt fühlen. –

Zurück zu Odo Marquard: Humor, Bildung und Religion – dies ist seiner Auffassung nach das Handwerkszeug, aus dem – jeder für sich, Gott für uns alle – eine Einsamkeitsfähigkeit geschmiedet sein kann: Er spricht von Humor als einer bekömmlichen Dinstanz zu sich selber, also auch einer Distanz zur eigenen Einsamkeit und damit einer Vermeidung von Übererwartungen:

„Wer stets nur mit gelingender Superkommunikation zufrieden ist, verurteilt sich selber zur Einsamkeit; wer sogar vom Standbild auf dem nächsten Platz erwartet, daß es ihm um den Hals fällt, und sich einsam fühlt, wenn es das – wie bei Standbildern üblich – nicht tut, gehört zu den Genies der Verzweiflungserzeugung.“ [6]

Kurz, wer mit seinen Pflanzen spricht, und sich wundert, dass diese – erst einmal und wie üblich – nicht antworten, oder die Sonne am Morgen begrüßt mit den Worten: „Na, ,wie geht es Dir?“, und sie eben wundersamerweise nicht antwortet: „Blendend!“, dem mangelt es offensichtlich an Humor, und damit an Einsamkeitsfähigkeit.

Bildung – und über Bedeutungen und Auslegungen des Begriffs wird noch zu sprechen sein – gehört nach Marquard weiterhin zu den Einsamkeitsfähigkeit fördernden Kompetenzen:

„[…]: keine Alles- und Besserwisserei, sondern die Ausdehnung des Aktionsradius der Merk- und Genußfähigkeit dadurch, daß man nicht auf unmittelbare Präsenzen angewiesen bleibt; […]“ [7]

Merken und genießen kann man beispielsweise Bücher, Bilder, Tonfolgen, und so die Lebenkunst erlernen, auch allein nicht allein zu sein. –

Kommen wir zum dritten Werkzeug, welches Marquard zur Einsamkeitsfähigkeit empfiehlt: Religion. Es mag schon angehen, dass es Menschen gibt, welche vermeinen, nicht zu glauben, doch wissen sie, dass sie nicht glauben, oder glauben sie es nur? – Glaube: Das muss nicht immer die Überzeugung sein, dass ein überirdisches Wesen existiert, sei es nun Gott, Allah oder Jahwe genannt. Es genügt schon, beispielsweise an das Gute im Menschen, den gesunden Menschenverstand, die Gerechtigkeit, die Gesetze, die Lebendigkeit und Vitalität der Natur, oder ihre Kraft – und das betrifft unter anderem auch die Menschen – zu glauben, um überhaupt zu glauben. Das hat dann nicht nur erst einmal, sondern grundsätzlich und absolut nichts mit Konfessionsgebundenheit oder Autoritätshörigkeit zu tun. –

Zurück zu Odo Marquard, der immerhin Philosophie, Germanistik, evangelische Theologie sowie katholische Fundamentaltheologie studierte. Will sagen: Der gute Mann kannte sich schon ein wenig aus, und wusste, wovon und warum er von etwas sprach. Da kann man nur sagen: „Alle Achtung; vielleicht kann ich von dem noch etwas lernen.“ – Vielleicht auch nur, dass Philosophie treiben und dicke Bretter bohren auch lustig sein und Spaß machen kann: Eventuell schimmert ja durch das Loch im dicken Brett ein kleiner Sonnenstrahl, der uns erfreut und Kraft gibt.

„Gott ist – für den Religiösen – der, der noch da ist, wenn niemand mehr da ist. Der Nichtreligiöse glaubt, daß das nicht ausreicht: kommunikativ scheint ihm der profane Spatz in der Hand besser als die Taube auf dem Dach auch dann, wenn diese Taube den Heiligen Geist symbolisiert. Aber Menschen – sterblichkeitsbedingt einsame Lebewesen – sind seinsmäßig nicht so gestellt, daß sie es sich leisten könnten, auf solchen Trost leichtfertig zu verzichten: denn zweifellos gibt es Einsamkeitssituationen, in denen die Taube auf dem Dach – sozusagen – der einzige Spatz ist, den man noch in der Hand hat.“ [8]

So viel von dem, was Odo Marquard in seinem Vortrag vom 12. Januar 1983 im Sender Freies Berlin zum Thema Einsamkeit gesagt hat. – Einen kleinen Schritt weiter geht der Religionsphilosoph Klaus Heinrich mit seinem Einwand

„[…] mit dem ‚Es ist ja alles gesagt‘ ist alles eben erst nur gesagt […]“ [9]

Damit ist gemeint, dass Worte – ob nun schön oder unschön – eben nur Worte sind und bleiben, denen Taten zu folgen hätten, seien diese physischer oder psychischer Natur.

Was ist zu tun? –

Leben und Schweigen.

 

[1] Marquard, S. 115

[2] Marquard, S. 110

[3] Marquard, S. 118

[4] Marquard, S. 120

[5] Tillich, S. 94

[6] Marquard, S. 121

[7] Marquard, S. 121

[8] Marquard, S. 121f

[9] Heinrich, S. 28

 

Weiterführende Informationen / Literaturhinweise

Heinrich, Klaus. anfangen mit freud. Stroemfeld / Roter Stern. Basel / Frankfurt am Main 1997.

Marquard, Odo. Skepsis und Zustimmung. Darin: Plädoyer für die Einsamkeitsfähigkeit. Reclam 9334, Stuttgart 1994.

Tillich, Paul. Der Mut zum Sein. Walter De Gruyter, Berlin, New York 1991.

 

Berlin, im Juli 2018

Der Mut zum Sein (Teil 4): Das Unbehagen in der Kultur

In diesem vierten und letzten Teil soll es noch einmal um den Kerntext Sigmund Freuds gehen, dem »Unbehagen in der Kultur«, welcher Anlass bot für das gleichbenannte Seminar am religionswissenschaftlichen Institut der Freien Universität Berlin im Wintersemester 1997/98. –

Hier sei die Argumentation Freuds noch einmal kurz nachgezeichnet. Er beginnt mit einer grundsätzlichen Überlegung:

„Das Leben, wie es uns auferlegt ist, ist zu schwer für uns, es bringt uns zuviel Schmerzen, Enttäuschungen, unlösbare Aufgaben. Um es zu ertragen, können wir Linderungsmittel nicht entbehren.“ [1]

Der Kürze und Einfachheit halber seien die von Freud beobachteten Linderungsmittel hier aufgelistet:

  1. Gewollte Vereinsamung
  2. Unterwerfung der Natur
  3. Intoxikation
  4. Ertötung der Triebe (orientalische Lebensweisheit; Buddhismus)
  5. Libidoverschiebungen (Sublimation)

Doch das hatten wir schon be- und verhandelt.

Es geht um Kasteiung und Beherrschung, sei es der Natur, anderen Menschen, oder der je eigenen (Trieb-) Natur. Dies scheint der Preis, das Opfer, das Menschen aufzubringen haben, wollen sie in den – dadurch fragwürdig werdenden – Genuss einer Gesellschaft oder Kultur kommen. –

Ausgangspunkt dieser Entwicklung war kein Geringerer als der Philosoph René Descartes, der Wegbereiter der Aufklärung, welcher die Trennung von Körper und Geist postulierte, wobei eben der Geist oder der Verstand über Körper und Natur herrschen sollte. Für die Naturwissenschaften ein enormer Gewinn, wenn nicht gar Freifahrtschein, für die Humanwissenschaften desaströs. Denn bei einer Herrschaft des Verstandes über die Natur kommt es einerseits zu Verdrängungen, andererseits zu Berechnungen und Berechenbarkeiten auch noch in Humanwissenschaften wie Psychologie und Soziologie. Das eben ist der Preis, den eine aufgeklärte, herrschende Kultur oder Gesellschaft für ihre Herrschaft bezahlt: Die Entmenschlichung der Menschen, welche nur noch als statistische, handhabbare Größen gesellschaftsfähig scheinen.

» Seit je hat Aufklärung im umfassendsten Sinn fortschreitenden Denkens das Ziel verfolgt, von den Menschen die Furcht zu nehmen und sie als Herren einzusetzen. Aber die vollends aufgeklärte Erde strahlt im Zeichen triumphalen Unheils. Das Programm der Aufklärung war die Entzauberung der Welt. Sie wollte die Mythen auflösen und Einbildung durch Wissen stürzen.« [2]

Aufklärung – so gesehen – erscheint als ein genuin europäisches Phänomen, welches allerdings einen fundamentalen Widerspruch in sich trägt: Einerseits soll ein aufgeklärter Mensch frei von Vorurteilen sein, andererseits soll er grundsätzlich keinerlei Autoritäten anerkennen. Das ebendies auch ein Vorurteil ist: Den Fetisch des eigenen, scheinbar selbständigen Denkens, einst gedacht als von aller Herrschaft und Autorität emanzipierend und gegen sie aufbegehrend, festzuhalten, erscheint als Dogma und ureigenstes Vorurteil aufklärerischen Denkens. –

Was bleibt, ist die Möglichkeit, Zeitalter und Projekt der Aufklärung historisch zu lesen und zu betrachten: Schließlich waren es Kampf und Aufbegehren gegen ungerechte Herrschaft seitens Kirche und Aristokratie, welche dem aufklärerischen Denken Kraft und Legitimation zu geben vermochten.

„Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, daß die Menschen gemeinhin mit falschen Maßstäben messen, Macht, Erfolg und Reichtum für sich anstreben und bei anderen bewundern, die wahren Werte des Lebens aber unterschätzen.“ [3]

Der Mensch als Prothesengott

Einst erfand ein Mensch das Rad. Später traten Verbrennungsmotoren, Automobile, Eisenbahn und Flugzeuge hinzu. Dies alles schienen Errungenschaften, welche es den Menschen ermöglichten, räumliche Distanzen schneller und bequemer zu überwinden, als – per pedes – mit Sandale und Wanderstab. Technik konnte den Menschen helfen, Unbillen der Natur gerüstet entgegenzutreten, um es sich so in seiner menschlichen Welt bequem zu machen, und es sich gut gehen zu lassen.

„Der Mensch ist sozusagen eine Art Prothesengott geworden, recht großartig, wenn er alle seine Hilfsorgane anlegt, aber sie sind nicht mit ihm verwachsen und machen ihm gelegentlich noch viel zu schaffen. […] Ferne Zeiten werden neue, wahrscheinlich unvorstellbar große Fortschritte auf diesem Gebiete der Kultur mit sich bringen, die Gottähnlichkeit noch weiter steigern. Im Interesse unserer Untersuchung wollen wir aber auch nicht daran vergessen, daß der heutige Mensch sich in seiner Gottähnlichkeit nicht glücklich fühlt.“ [4]

Diese Hybris – als Selbstüberschätzung, Anmaßung einer Gottgleichheit, und eines Hochmutes – erkannte Sigmund Freud 1930 in seiner kulturkritschen Schrift „Das Unbehagen in der Kultur“. Eine Entfremdung – über den Begriff hatten wir schon nachgedacht – geht mit den technischen Fortschritten einher, ist unvermeidlich, scheint der Preis für Herrschaft des Menschen über die Natur.

Was beobachten wir heute?

Junge Menschen, die – fasziniert von und verführt durch neueste Technologien – den Anstrengungen enthoben sind, eine Landkarte mit Kompass zu lesen oder einen ausgedruckten Fahrplan an Bushaltestelle oder U-Bahn. Man kann das – kulturkonservativ – beklagen oder auch nicht, es gehört jedenfalls und einfach zu der modernen „Realität“ und „Welt“.

 

„Wer Wissenschaft und Kunst besitzt,

hat auch Religion;

wer jene beiden nicht besitzt,

der habe Religion!“ [5]

 

Wie weit soll es noch gehen, wohin führt der Weg? –

Eventuell zum Menschen hin, vielleicht ist dort ein Steg.

 

[1] Freud, S. 73

[2] Horkheimer / Adorno, S. 9

[3] Freud, S. 65

[4] Freud, S. 87

[5] J.W. Goethe, Zahme Xenien IX (Gedichte aus dem Nachlaß)

 

Weiterführende Informationen / Literaturhinweise

Freud, Sigmund. Abriß der Psychoanalyse. Das Unbehagen in der Kultur. Fischer Taschenbuch Verlag GmbH, Frankfurt am Main, Oktober 1953. (Vorliegende Ausgabe: 1972)

Gruen, Arno. Wider den Gehorsam. J. G. Gotta’sche Buchhandlung, Stuttgart: 2014.

Gruen, Arno. Verratene Liebe – falsche Götter. J. G. Gotta’sche Buchhandlung, Stuttgart 2003.

Honneth, Axel. Kampf um Anerkennung. Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft 1129, Frankfurt am Main 1992.

Honneth, Axel. Pathologien der Vernunft. Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft 1835, Frankfurt am Main 2007.

Horkheimer, Max / Adorno, Th. W. . Dialektik der Aufklärung.

Marquard, Odo. Skepsis und Zustimmung. Darin: Playdoyer für die Einsamkeitsfähigkeit. Reclam 9334. Stuttgart: Reclam 1994.

 

Berlin, im Juli 2018

Endlichkeit, Entfremdung und Balance

„Was ist der Mensch?“, so lautet die vierte Grundfrage der Philosophie bei Immanuel Kant. Genau dieser Frage nach der conditio humana nachzugehen, scheint die Aufgabe der Humanwissenschaften, vor längerer Zeit auch „Geisteswissenschaften“ genannt. Mit den drei Begriffen Endlichkeit, Entfremdung und Balance soll an diesem Ort der Versuch unternommen werden, zumindest Teilantworten auf die Kant’sche Frage zu liefern.

Endlichkeit

„Der Mensch ist endlich und sein Leben ist kurz: vita brevis“, so lautet die Kernthese Odo Marquards – frei nach Seneca – in seiner Rede zum Thema „Zeit und Endlichkeit“, einem öffentlichen Vortrag, gehalten am 4. Oktober 1991 in Bonn.

Nun gilt es – um die Zeit der Leserschaft nicht über die Maßen zu beanspruchen – die Marquard’schen Überlegungen kurz, aber nicht verkürzend darzustellen.

Aus der Lebenskürze des Menschen folgert Marquard

  1. dass wir nicht beliebig lange warten können, Neues zu erreichen, also zur Schnelligkeit gezwungen sind.
  2. dass wir nicht beliebig viel Neues erreichen können, da uns einfach die Zeit dazu fehlt; das limitiert unsere Veränderungsfähigkeit. (s. auch »Zukunft und Herkunft« in demselben Band)
  3. dass wir – durch unsere Lebenskürze – nicht die Wahl haben, schnell oder langsam zu handeln; wir müssen immer beides können, auch wenn es uns zu zerreißen droht: Eiler und Zögerer sein.

Aus diesen Überlegungen heraus kommt er zu dem Schluss, dass weder Schnelligkeit noch Langsamkeit anzustreben sei, sondern eben Multitemporalität, eine temporale Entzweiung, ein temporales Doppelleben, die und das von den Menschen ausgehalten sein will.

Wer das versteht und einsieht, wird Verzicht üben müssen, und Widerstand leisten gegen einen Zeitgeist, der mit seinem „schneller, höher, weiter“ die Menschen entmenschlicht und sie zu funktionierenden Marionetten zu machen versucht. So ist denn die Empfehlung, sich in Gelassenheit zu üben, und den Zeitgeist Zeitgeist, und den Gott einen guten Mann sein zu lassen.

„Je schneller das Neue zum Alten wird, desto schneller kann Altes wieder zum Neuesten werden: jeder weiß das, der nur ein wenig länger schon lebt. Darum darf man sich beim modernen Dauerlauf Geschichte – je schneller sein Tempo wird – zugleich unaufgeregt überholen lassen und warten, bis der Weltlauf – von hinten überrundend – wieder bei einem vorbeikommt. Immer häufiger gilt man dann bei denen, die überhaupt mit Avantgarden rechnen, vorübergehend wieder als Spitzengruppe: So wächst […] modern gerade durch Langsamkeit die Chance, auf der Höhe der Zeit zu sein.“[1]

„Seneca gehörte zu den wichtigsten Vertretern einer stoischen Lebensform im alten Rom. Er wurde um 4 bis 1 v. Chr. in Cordoba geboren und tötete sich auf Befehl Neros im April 65 n. Chr. nahe Rom.

Seine Schrift über die Kürze des Lebens, De breviate vitae, nimmt sich der damals wie heute drängenden Frage an, wie wir als Menschen bei begrenzter Lebenszeit unser Leben besser nutzen können beziehungsweise es nicht verschwenden oder durch ständiges Aufschieben entwerten.“ (aus der Nachschrift „Zum Autor“)

Die Lektüre von Senecas kleinem Bändchen, welche Odo Marquard zu modernisierten Reflexionen angeregt hat, ist also allemal lohnend und gewinnbringend, zumal durch sie dem Leser ein weiteres Mal klar werden kann, dass schon in der Antike – hier des römischen Altertums – Denker und Philosophen existierten, welche über Menschen und Lebenshaltungen wertvolle Gedanken produzierten:

„Trenne dich von der großen Masse, und ziehe dich auf das zurück, was ruhiger, sicherer und wichtiger ist.“ (Seneca)

 

Entfremdung

Der Begriff der „Entfremdung“ hat eine lange Geschichte: Von Blaise Pascal (17. Jahrhundert), der den Menschen als im unendlichen Weltall kosmisch entfremdet sah, über Jean-Jaques Rousseau (18. Jahrhundert), welcher das menschliche Individuum als vom Naturzustand solitärer Freiheit in die Freiheit selbstgegebener Gesetze übergegangen beschrieb, Wilhelm von Humboldt (Ende 18. Jahrhundert), der die Herausforderung des Menschen darin sah, das Fremde, das immer nur das Material und Instrumentarium, das er zu seiner Entfaltung gebraucht, um sich die Welt bewohnbar zu machen, bis hin zu G. W. F. Hegel (um 1800) und schließlich Karl Marx, der den Begriff in einer ganz weltlichen Weise gebraucht („Der Arbeiter, der seine Arbeitskraft verkauft, produziere nicht nur für sich selbst und sei zufolge der Arbeitsteilung nur ein Glied in der Produktionskette. Das Arbeitsprodukt werde ihm entfremdet, und so entfremde er sich auch von seinen Mitmenschen“), reicht die Spanne der Bedeutungen einer „Entfremdung“.

Wie man sieht, ist es gar nicht so einfach, eine einfache Begriffsbestimmung vonzunehmen, zumal bei einer historischen Betrachtung. – Was hier fokussiert werden soll sowie wichtig und aktuell erscheint, ist das Schlagwort eines Verlustes der ursprünglichen Freiheit an eine dem Individuum fremd gegenüberstehende Macht (Gesellschaft, Herrscher). Diese Idee sollte als tragendes Moment einer kulturkritischen Analyse genügen.

Noch einen kleinen, zynischen Schritt weiter gehen Horkheimer und Adorno in ihrer Dialektik der Aufklärung, welche als Kernschrift der Kritischen Theorie der Frankfurter Schule angesehen kann und wird. Hier geht es nicht nur um Entfremdung, sondern auch um Herrschaft – einerlei, ob nun über die Natur oder andere Menschen – und um Denkarten. Kritisiert wird von den Autoren das sachliche und funktionelle Denken des Industrialismus, welches den Menschen schade:

„Nicht bloß mit der Entfremdung der Menschen von den beherrschten Objekten wird für die Herrschaft bezahlt: Mit der Versachlichung des Geistes wurden die Beziehungen der Menschen verhext, auch die jedes Einzelnen zu sich. Er schrumpft zum Knotenpunkt konventioneller Reaktionen und Funktionsweisen zusammen, die sachlich von ihm erwartet werden. Der Animismus hatte die Sache beseelt, der Industrialismus versachlicht die Seelen.„[2]

 

Balance

Eine Balance – mit anderen Worten: ein Gleichgewicht – zu finden, ist eine der mannigfaltigen Herausforderungen im Leben eines Menschen.

Doch eine Balance wozwischen?

Wieder einmal der Skeptiker Odo Marquard bringt diesbezüglich die Begriffe „Einheit“ und „Vielheit“ ins Spiel. Er beschreibt zunächst zwei sich unterscheidende Philosophietraditionen: Erstens die Tradition der Einheits- und Universalisierungsphilosophien, welche von Parmenides über Platon bis zu Kant und Habermas führen. Hier geht es um den Vorrang des Einen, Allgemeinen, was eine Gleichheit aller Menschen unterstellt (oder annimmt), so dass eine Philosophie dieser Art ihre Gültigkeit für alle Menschen beansprucht, bös‘ gesagt, alle Menschen über einen Kamm schert.

Zweitens existiert die Tradition der Vielheits- oder Pluralisierungsphilosophien von der antiken Sophistik, der Skepsis, Moralistik, dem Historismus, der Lebensphilosophie bis zu der Postmoderne. Hier geht es um den Vorrang des Vielen vor dem Einen, will sagen: Des Einzelnen, Individuellen vor dem Allgemeinen oder Ganzen.

So weit, so gut, so weit so unterschiedlich die verschiedenen Denkansätze. Was ist zu tun? – Der Skeptiker schlägt sich nicht auf eine Seite, er betrachtet und beschreibt, und zwar möglichst unparteiisch. Er setzt sich mit Bedacht zwischen die Stühle der herrschenden Lehren, denn Skepsis ist – unter anderem – der Sinn für Gewaltenteilung. Einer Teilung auch noch jener Gewalten, die die Überzeugungen sind. Das ermöglicht dem Skeptiker einen Ausgleich, eine Mitte, und eben eine Balance.

In seinem Buch „Soziologische Dimensionen der Identität“ hat Lothar Krappmann ebendies im Blick: Eine balancierende Ich-Identität. Was bedeutet das? – Nun, der Begriff beschreibt die Spannung [3] zwischen den Erwartungen und Zuschreibungen einer sozialen Gruppe oder Gesellschaft, dem sich ein Mensch ausgeliefert sieht, und seinen eigenen, eben individuellen Vorlieben, Bedürfnissen und Bestrebungen. Diese konkurrierenden Momente erst einmal zu sehen und zu berücksichtigen, um sie dann – in einer Art Synthese – in Einklang zu bringen, macht den Grundgedanken Krappmanns aus: Eben das Erringen einer Balance.

„Ob man nun von Einheit und Vielheit, Universalisierungen und Pluralisierungen, Individuation und Partizipation oder dem Mut, man selbst zu sein und dem Mut, Teil eines Ganzen zu sein spricht, immer wieder ist eines gefragt: eine – oder die – Balance.“[4]

 

[1] Marquard, S. 54f

[2] Horkheimer / Adorno, Dialektik der Aufklärung, S. 34

[3] Siehe dazu Dr. Christian Weilmeiers Beitrag: Philosophische Gedanken über das Spannungsverhältnis von Individuum und Gesellschaft. Neue Debatte, 21. Juni 2017

[4] Ferch, Christian. Identität, Sucht und Sog, Balance. Hausarbeit zum Seminar „Das Unbehagen in der Kultur“. Seite 11.

 

Weitere Informationen / Literatur

Horkheimer, Max / Adorno, Theodor W.. Dialektik der Aufklärung.

Krappmann, Lothar. Soziologische Dimensionen der Identität.

Marquard, Odo. Skepsis und Zustimmung. Darin: Zeit und Endlichkeit. Sowie: Einheit und Vielheit. Philipp Reclam jun. GmbH Stuttgart: 1994.

O’Hara, Nancy. Das Wunder der Gelassenheit. Mit Buddha durch den Alltag gehen. Lotos Verlag, München: 2004 (deutsche Ausgabe).

Seneca. Von der Kürze des Lebens. Philipp Reclam jun GmbH & Co. KG, Stuttgart: 2007 / 2012.

Sucht, Sog und Selbsttäuschung

Gemeinschaft, Gesellschaft, Unbehagen durch Triebversagungen und Mittel dagegen. Dies sind Themen oder Begriffe, deren sich der Wiener Arzt Sigmund Freud in seiner Schrift Das Unbehagen in der Kultur angenommen hat, um einer conditio humana (dt.: Die Bedingung des Menschen; s. auch das gleichnamige Buch von Helmuth Plessner) analytisch auf die Spur zu kommen.

Bei der Betrachtung des Verhältnisses von Individuum und Gesellschaft verortete er eine soziale Leidensquelle, welche diesem Verhältnis inhärent ist und den Menschen zu schaffen macht. Freud stellte fest:

 

  1. Leben besteht aus Leiden, Enttäuschungen, Triebversagungen und unlösbaren Aufgaben.
  2. Daher bedienen sich Menschen verschiedenster Linderungsmittel, als da sind:

 

  1. Gewollte Vereinsamung
  2. Unterwerfung der Natur
  3. Intoxikation
  4. Ertötung der Triebe (orientalische Lebensweisheit; Buddhismus)
  5. Libidoverschiebungen (Sublimation)

 

Bei dem Linderungsmittel Gewollte Vereinsamung kann sich ein Individuum zwar sozialen Leidensquellen entziehen, versperrt sich jedoch auch Wege zu einer gelingenden Identifikation mit einem Gegenüber oder einer sozialen Gruppe.

Bei einer Unterwerfung der Natur ist es zwar Herr über äußere und innere – also seine eigene – (Trieb-) Natur, hat aber dafür seine Natürlichkeit – beispielsweise in Form von Trieben und Emotionen – preisgegeben, wenn nicht gar ausgelöscht.

Bezüglich der Ertötung der Triebe (orientalische Lebensweisheit; Buddhismus) ist zu bemerken, dass diese Variante der Leidvermeidung nicht jedem Individuum zugänglich, ja, völlig und vollständig gar nicht menschenmöglich, vielleicht auch gar nicht wünschenswert ist.

Zu den Libidoverschiebungen (Sublimation) ist zu sagen, dass eine Verschiebung von Trieben ins Geistige, Intellektuelle oder auch Theoretische zwar für eine gewisse Zeit ein probates Mittel der Leidvermeidung sein kann, jedoch die damit verschobenen, verdrängten und unterdrückten Triebe dann oftmals umso brachialer und ungezügelter hervorbrechen und ihre Bahn sich suchen.

 

In diesem Teil soll es vornehmlich um die dritte Art von Leidvermeidung, Intoxikation, gehen, sowie die damit verbundenen Gefahren, die sie mit sich bringt.

Zunächst sei hierzu Sigmund Freud aus seinem »Unbehagen in der Kultur« zitiert:

 

»[…] es ist die Tatsache, daß es körperfremde Stoffe gibt, deren Anwesenheit in Blut und Geweben […] die Bedingungen unseres Empfindungslebens so verändert, daß wir zur Aufnahme von Unlustregungen untauglich sind.«[1]

 

So gesehen, eine wohlfeile, schöne Sache, doch mit einem Haken: Eine Intoxikation, ein Rausch kann zwar als Leidvermeidung dienen, doch andererseits betrügt er das Individuum mit der Vortäuschung eines gesteigerten Lebens, eines Eins-Seins mit sich und der Welt, einer gelungenen Identifizierung beziehungsweise Identität durch und mit einem Gegenüber. Und gerade durch diese zunächst angenehm erscheinende Unlust- und Leidvermeidung besteht die Gefahr, dass eine wiederholte Intoxikation in eine Sucht mündet… –

 

 

Sucht

 

Doch was bedeutet »Sucht«? – Vielleicht, den Enttäuschungen und Versagungen einer Gesellschaft zu entgehen durch Selbsttäuschung mithilfe eines Rauschmittels?

 

Sigmund Freud stellt fest:

 

»Die Leistung der Rauschmittel im Kampf um das Glück und zur Fernhaltung des Elends wird so sehr als Wohltat geschätzt, daß Individuen wie Völker ihnen eine feste Stellung in ihrer Libidoökonomie eingeräumt haben.«[2]

 

Der Religionsphilosoph Klaus Heinrich nähert sich dem Thema aus einer anderen Perspektive: nämlich der eines an Fragen der menschlichen Gattung und ihrer Geschichte sowie an aktuellen Problemen der Gesellschaft interessierten Philosophen. Seine Rede »Sucht und Sog« (Zur Analyse einer aktuellen gesellschaftlichen Bewegungsform), welche er am 21. Oktober 1993 in einem Universitätsklinikum an der Freien Universität Berlin gehalten hat, mündet in der Einschätzung:

 

»Wir werden zu fragen haben, inwiefern nicht Süchte heute eingesetzt werden als Mittel, der Suchtgesellschaft zu entkommen, nicht vor ihr die Augen zu verschließen, sondern Sucht der Sucht entgegenzusetzen, aus der Suchtgesellschaft auszusteigen mittels Sucht. Sucht, so gesehen, wäre ein erster, noch untauglicher, selbst-therapeutischer Versuch, dem tauglichere therapeutische zu folgen hätten.«[3]

 

Schon im Wort »Sehnsucht« steckt einerseits das Wort »Sehnen«, andererseits das Wort »Suche« oder auch »Sucht«.

 

»Nur wer die Sehnsucht kennt, weiß was ich leide« J.W. v. Goethe, Mignon.

 

»Das Sich-Sehnen als ‚Sucht‘ – hier geht das Sehnen ins Leere, und doch verbindet sich eine geheime Erwartung mit ihm.«[4]

 

 

Sog

 

Der Begriff »Sog« versucht zu beschreiben, was psychisch in einem Individuum vor sich geht, wenn es auf dem Wege in ein Nachgeben einer Verführung, einem willigen »Eingesaugt-Werdens« ist, was allerdings in Selbstaufgabe münden kann. –

 

»So führt die Sucht in den Sog: War es in der Sucht noch ein Ausweichen vor Vereinigung und Identifikation, ist nun im Sog das Ziel eine Vereinigung durch Ausgelöschtwerden, die in Subjektlosigkeit mündet und damit von den Schwierigkeiten der Vereinigung mit anderen und der Identifikation befreit.«[5]

 

So ist es denn eine gewisse Art des Ergriffenseins, welches das Individuum von der Last und den Anstrengungen einer Identitätssuche und der damit verbundenen Balance befreit. Ergriffen von einem Kunstwerk, einem Schriftstück literarischer oder wissenschaftlicher Art, oder etwa einer politischen Bewegung, hat es teils Sicherheit und Geborgenheit gewonnen, teils seine Autonomie und Verantwortung abgegeben und verloren.

 

Dies ist die Charakteristik des Sogs.

 

»’Sog‘ als Schoßmetapher, sozusagen der Schoß in actu, der uns in Totalregression in sich hineinzuziehen verspricht, ist daher […] Grund […] aller jener gefahrvollen Situationen, die uns immer wieder die Nähe des Ausgelöschtwerdens mit selbstzerstörerischer Lockung vor Augen führen und die wir darum mit lustvollem Schauder teils herbeiführen, teils aufsuchen.«[6]

 

Im nächsten Teil wird es um Endlichkeit, Entfremdung und Balance gehen.

 

 

Weitere Informationen und Literaturhinweise

 

Ferch, Christian. Hurra, wir leiden noch: Ein Essay über Sucht und Verblendung. Neue Debatte, 29. Januar 2018.

Freud, Sigmund. Abriß der Psychoanalyse / Das Unbehagen in der Kultur. Fischer Taschenbuch Verlag GmbH, Frankfurt am Main, 1953.

 

Heinrich, Klaus. anfangen mit freud. Reden und kleine Schriften 1. Sroemfeld Verlag, Basel / Frankfurt am Main 1997.

 

[1] Als conditio humana (lateinisch für „menschliche Bedingung“) werden allgemein die Umstände des Menschseins und die Natur des Menschen bezeichnet. Siehe dazu auch das Buch von Helmuth Plessner Die Frage nach der conditio humana. Aufsätze zur philosophischen Anthropologie. Suhrkamp Taschenbuch 361, 1976.

 

[2] Sublimierung (von lateinisch sublimis, hoch in der Luft befindlich) bedeutet, dass etwas durch einen Veredelungsprozess auf eine höhere Stufe gebracht wird. In der psychoanalytischen Theorie von Sigmund Freund wird sexueller Energie wegen der Einschränkungen der menschlichen Gesellschaft und Zivilisation eine begrenzte Menge an Ausdruck zugestanden. Sie erfordert daher andere Freisetzungsmöglichkeiten, insbesondere wenn eine Person psychisch ausgeglichen bleiben soll. Freud verstand unter Sublimierung eine Umwandlung oder Umlenkung von Libido in „sozial nützliche“ Errungenschaften, in eine geistige Leistung oder kulturell anerkannte Verhaltensweise (vor allem Kreativität und Wissenschaft). Sie stellt ein Gegenstück zu den Abwehrmechanismen des Ichs dar, da sie als Aspekt der normalen Ich-Funktion gewertet wird. Weitere Informationen auf Wikipedia.

[3] Mead, George Herbert: Geist, Identität und Gesellschaft. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main, 1968.

[4] Freud, Sigmund. Das Unbehagen in der Kultur. Erstausgabe: 1930. Seite 76.

[5] Ebenda.

[6] Heinrich, Klaus: Sucht und Sog; in: anfangen mit freud. Reden und kleine Schriften 1. Stroemfeld Verlag, Basel/Frankfurt am Main, 1997. Seite 60.

[7] Ebenda, S. 42

[8] Ferch, Christian. Identität, Sucht und Sog, Balance. Hausarbeit zum Seminar „Das Unbehagen in der Kultur“. Seite 11.

[9] Heinrich, Klaus: Sucht und Sog; in: anfangen mit freud. Reden und kleine Schriften 1. Stroemfeld Verlag, Basel/Frankfurt am Main, 1997. Seite 44.

[1] (S. Freud, Das Unbehagen in der Kultur, S. 76)

[2] (S. Freud, Das Unbehagen in der Kultur, S. 76)

[3] (Heinrich, S. 60)

[4] (Heinrich, S. 42)

[5] (Christian Ferch, »Identität, Sucht und Sog, Balance«, Hausarbeit zum Seminar

»Das Unbehagen in der Kultur«, S. 11)

[6] (Heinrich, S. 44)

Der Mensch und seine Identität

Menschen sind denkende Wesen. In der Philosophie geht es um eine denkerische Distanz zur Realität und zur Praxis. Erst denken, dann handeln. Die Beitragsserie setzt sich mit Selbstreflexion, Kulturkritik und Bildung auseinander und mit der von Theodor W. Adorno geforderten Erziehung zur Mündigkeit.

 

Es ist schon eine Weile her, nämlich im Wintersemester 1997/98, da besuchte ich ein Seminar zu Sigmund Freud’s kulturkritscher Schrift »Das Unbehagen in der Kultur« in einem meiner Nebenfächer, der Religionswissenschaft. Nun herrscht bei Vorstellungen, was dieses Fach be- und verhandelt, das gängige Missverständniss, es müsse doch um die verschiedenen Erscheinungsformen von Religion gehen, also um eine Art Religionsphänomenologie. Dies war seinerzeit nicht der Fall: Vielmehr wurde Religionsphilosophie, Kulturkritik und Psychoanalyse gelehrt und gelernt, und eben diese Ausrichtung führte zu der Abhaltung des besagten Seminars, zu dem ich meine Hausarbeit »Identität, Sucht und Sog, Balance« verfasste.

Um der Leserschaft die Inhalte dieser Arbeit näherzubringen, hier eine Art mittelgroßes brainstorming. –

 

In diesem ersten Teil soll es um den Menschen und seine Identitäüt gehen.

 

Da zu diesem Begriff zahlreiche Fachliteratur psychologischer sowie soziologischer Provenienz (Herkunft) existiert, möchte ich die mir plausibelsten Theorien hier kurz erörtern.

 

Da ist zunächst Sigmund Freud, der mit seiner Dreiteilung in Es, Ich und Über-Ich den Versuch unternahm, den Menschen zu beschreiben. Sicherlich – dieser Einwand ist durchaus berechtigt – besteht darin noch keine Identitätstheorie; auch hat Freud selbst den Begriff einer »Identität« selber nie verwendet. Auch hat er mit seinem Drei-Instanzen-Modell gängige Vorstellungen von einer Identität eher ins Wanken gebracht als gestützt, aber das scheint ob eines Erkenntnisgewinns eben unerlässlich…. –

 

»Der Mut zum Sein« lautet der Titel einer Schrift von Paul Tillich, einem evangelischen Theologen und Religionsphilosophen, der 1933 – nach Veröffentlichung seiner antinationalsozialistischen Schrift »Die sozialistische Entscheidung« – in die USA auswanderte.

 

Beeindruckend einfach, und daher leichter handhabbar erscheint seine Zweiteilung: Hier ist von dem Mut, man selbst zu sein (Mut und Individuation) und dem Mut, Teil eines Ganzen (Mut und Partizipation) die Rede. Zu beachten ist, dass ein Überwiegen einer der beiden Arten von Mut zum Sein zerstörerisch wirkt: Wer zu eigenbrötlerisch und individuell daher kommt, kann schon einmal die soziale Gruppe sprengen, und wer sich dieser über die Maßen anpasst, läuft Gefahr, sein Selbst und seine Individualität zu zerstören und zu verlieren. – Es gilt, die beiden Arten des Mutes zum Sein in einen Ausgleich zu bringen, zu balancieren, so dass weder die soziale Gruppe noch das Individuum das Nachsehen haben oder zerstört werden.

 

Eine ähnliche Zweiteilung nimmt der Sozialpsychologe G.H. Mead in seinem Werk »Geist, Identität und Gesellschaft« vor, wenn er vom »I« und »me« spricht. Hier mit dem »I« der individuelle Anteil, mit dem »me« der soziale Anteil der Identität eines Menschen gemeint. Dabei kulminieren die verschiedenen »me«’s im »self«, will sagen, die Summe aller Zugehörigkeiten zu verschiedenen sozialen Gruppen wie etwa Familie, Schulklasse, regionale Gruppen, Glaubensgemeinschaften (religiöse Gruppen), soziale Schichten (Unterschicht/Arbeiterklasse, bildungsspezifische Schichten, Enklaven, Subkulturen) vereinen sich im »self«. Bemerkenswert erscheint bei Mead der Gedanke eines Ausgleichs, einer Balance beider Anteile der Identität in Teil III Identität; 26. Die Verwirklichung der Identität in der gesellschaftlichen Situation und Teil IV Gesellschaft; 35. Die Verschmelzung von »I« und »me« in der gesellschaftlichen Aktivität. –

 

Während Hermann Hesse, der zartbesaitete, zu Hyperindividualismus neigende Schriftsteller, in seinem »Demian« recht düstere Aussichten propagiert (»Kein Mensch ist jemals ganz und gar er selbst gewesen; […]«; Demian, S. 8), stellt Mead immerhin die Möglichkeit einer Synthese der scheinbar widerstreitenden Anteile einer Identität vor. – Dies nur als Randbemerkung. –

 

»Der Mensch kann nicht darauf verzichten, mensch zu sein. Er muß denkener muß hinausgehen über das Vorgegebene. Ist das aber geschehen, gibt es kein Zurück. Er kann nicht denkend das Denken aufheben; er kann nicht bewußt auf das Bewußtsein verzichten.«

(Tillich, Die sozialistische Entscheidung, S. 48)

 

Im zweiten Teil (vier Teile zum Thema »Der Mut zum Sein« sind geplant) soll es um Sucht, Sog, Selbsttäuschung und -enttäuschung gehen.

 

 

Dr. Christian Ferch, Berlin, im Mai 2018

 

Weitere Informationen / Literatur

 

Ferch, Christian. Elemente einer allgemeinen Kommunikationstheorie. Darin: Kap. 3. Kommunikation und Identität; S. 160 – 195. Books on Demand, Norderstedt, 2015.

Freud, Sigmund. Das Ich und das Es. Metapsychologische Schriften. Fischer Taschenbuch Verlag GmbH Fraknfurt am Main: 1992.

Krappmann, Lothar. Soziologische Dimensionen der Identität. Klett-Cotta, Stuttgart: 1961.

Mead, Gerorge Herbert. Geist, Identität und Gesellschaft. Suhrkamp Verlag, Frankfurt / Main, 1968.

Tillich, Paul. Der Mut zum Sein. Berlin; New York: De Gruyter 1991.

Tillich, Paul. Die sozialistische Entscheidung. Berlin: Medusa Verlag Wölk + Schmidt 1980.

Weilmeier, Christian: Philosophische Gedanken über das Spannungsverhältnis von Individuum und Gesellschaft. Neue Debatte, 21. Juni 2017.

Sucht – ein gesellschaftliches Phänomen

Es war die immer wieder auftauchende Werbung von Computerspielen, die mich bestürzt aufhören ließ, und mich zu diesem Essay motivierte. Da ist die Rede von »Suchtfaktor garantiert«, oder »spiele es ein, zwei Mal, und Du wirst süchtig danach!« –

Eben eine derartige Werbung halte ich nicht nur für ethisch bedenklich, sondern für gefährlich: Da wird versucht, dem ohnehin reizüberfluteten Konsumenten einzureden, eine Sucht wäre etwas Positives, Erstebenswertes, einfach um ein bestimmtes Produkt – in diesem Falle ein Computerspiel – besser zu verkaufen…. –

Eine Erinnerung: Im Wintersemester 1997/98 besuchte ich in meinem Nebenfach Religionswissenschaft ein Seminar zu dem kulturkritischen Text von Sigmund Freud »Das Unbehagen in der Kultur«. Herausgekommen sind dabei – neben einer Hausarbeit zum Scheinerwerb – diverse Erkenntnisse.

 

  1. Leben besteht aus Leiden, Enttäuschungen, Triebversagungen und unlösbaren Aufgaben.
  2. Daher bedienen sich Menschen verschiedenster Linderungsmittel, als da sind (nach Freud):

 

  1. Gewollte Vereinsamung
  2. Unterwerfung der Natur
  3. Intoxikation
  4. Ertötung der Triebe (orientalische Lebensweisheit; Buddhismus)
  5. Libidoverschiebungen (Sublimation)

 

Aus der Wissenschaft zurück in die Gesellschaft: Waren es einst toxische Stoffe, wie Nikotin, Alkohol, um nur die harmloseren zu nennen, sind es seit Anfang unseres Jahrhunderts die »digitalen Schnuller« wie Internet und Smartphone, welche vielen Menschen als Leidvermeidung dienen. Doch welches Leid? Sigmund Freud verortete hier eine »soziale Leidensquelle«, will sagen, die Gesellschaft, in der wir lebten und leben, ist eben doch nicht so humanistisch und menschfreundlich, wie sie es von sich unreflektiert behauptet…-

»Als „Nicht-stoffgebundene Abhängigkeiten“ gelten Glücksspiel, Computerspiel- oder Internetsucht aber auch Arbeitssucht oder Sexsucht. Krankhaftes Stehlen (Kleptomanie) oder Brandstiften (Pyromanie) werden medizinisch nicht zu den Suchterkrankungen gezählt.«

 

(Quelle: »Was ist Sucht? Neurologen und Psychiater im Netz«)

 

Nun, es ist ja nicht jedem gegeben, aufgeklärt und reflektiert durch unsere Gesellschaft zu wandeln. Wünschenswert wäre es allerdings schon, Menschen und Bürger zu sehen, die mündig dem Verblendungszusammenhang entgegentreten.

 

Dr. Christian Ferch, Berlin – Lichterfelde, im Januar 2018

Die Neue Debatte im Anti-war-café in der Rochstraße

Das Bürgermedium Neue Debatte wurde im März 2016 vom Initiator Gunther Sosna als privates Projekt gegründet, um einen Beitrag zu leisten zur Stärkung der Meinungsfreiheit,und um eine alternative Form des Journalismus anzubieten, der keine Deutungshoheit für sich in Anspruch nimmt und sich keinerlei kommerziellen Interessen unterwirft.

Die Veranstaltung im Anti-War Café war die erste Veranstaltung der Neuen Debatte außerhalb des Internets.

Nach einer kurzen Vorstellung der Veranstalter hörte das Publikum einen Initiativvortrag von Dr. Reinhard Paulsen, um dann anschließend zu einer Diskussion überzugehen.

Die Diskussion in dem kleinen Kellergewölbe begann mit einigen zaghaften Wortbeiträgen des 20 – 25 Personen zählenden Publikums, um dann an Intensität und Lebhaftigkeit zu gewinnen, ja, am Ende waren gar Leidenschaft in den Überzeugungen und engagierte Kampfeslust der Diskutierenden auszumachen.

Ziel der Veranstaltung war es nicht, eine Lösung für die verschiedenen politischen Probleme zu finden, sondern eine intensive Erörterung zu unternehmen, um eine Näherung der Frage des »Was ist zu tun?« zu erlangen.

Der Moderator Dr. Christian Ferch legte in einem kurzen Statement seine Intentionen offen, welche dahingehend zu charakterisieren sind, dass er eine andere als die existierende Kommunikations- und Diskussionskultur als die gegenwärtige anstrebt. Jene zeichne sich aus durch kurzatmige Totschlagargumente sowie Gewalt durch Sprache in der politischen Diskussion.

Summa summarum kann von einem gelungenen Start in die öffentliche Welt der Friedensbewegung gesprochen werden, geht es doch letztlich darum, friedliche Umgangsformen zu finden, welche es den Menschen ermöglichen, ein freies und gerechtes Leben zu leben. –

Dr. Christian Ferch, 6. August 2017

Meinungsfreiheit und der Zwang zur Hyperindividualität

  1. März 2017 Neue Debatte Hinterlasse einen Kommentar

Wie steht es um die Meinungsbildung und die freie Meinungsäußerung im Zeitalter des Narzissmus und dem Zwang zur Hyperindividualität? Ein Kommentar von Dr. Christian Ferch.

Wenn man beginnt, über Werte nachzudenken, kommt man um das deutsche Grundgesetz kaum herum. Hier ist neben der Freiheit der Kunst und der Wissenschaft und der Freiheit der Berufswahl auch die Meinungsfreiheit zu finden:

Im Artikel 5 ist schriftlich festgehalten und verbrieft, es sei legitim, seine Meinung in Wort und Schrift frei zu äußern.

Voraussetzung dafür erscheint mir, dass den Mitgliedern einer Demokratie Zeit und Muße dafür zur Verfügung steht, sich eine eigene Meinung erst einmal zu bilden, um sie dann – in einem weiteren Schritt – frei zu äußern.

Doch wie soll das in der heutigen Zeit noch möglich sein, einer Zeit, in der ein Zeitgeist regiert, welchen Stichworte wie „Zeitalter des Narzissmus“, „Optimierungsgesellschaft“ und der Zwang zur Hyperindividualität prägen?

Ja, es scheint sogar nahezuliegen, dem politischen System mitsamt den mit ihm verquickten Medien eine ebenso zwanghafte wie erzwungene Systemkonformität zu unterstellen, welche nicht nur den Politikern und Oberen, sondern auch der arbeitenden Klasse der Angestellten obliegt. Selbstständiges und kritisches Denken unerwünscht.

Das hat dann allerdings wenig mit freier Meinungsbildung und Meinungsäußerung zu tun.

Und schon ist einer der (deutschen) Werte, von denen immer mal wieder die Rede ist, ausgehebelt, und wir befinden uns mitten in einer dem Kapitalismus und der Ausbeutung zuspielenden Kulturindustrie.