Italien 1988 – ein Reisebericht

Es war im Jahre 1988, als ich, nach einigen anderen Geschichten in Berlin, eine Surf-Reise nach Italien antrat. Ich fuhr einen schwarzen Honda Civic S, mit 71 PS und der Spitzengeschwindigkeit 160 km/h. Ich weiß, heute ist das nichts mehr. oben auf dem Dach hatte ich ein pinkfarbenes Surfbrett geladen. Ich fuhr zunächst nach Corvara in Südtirol, Ladinien, einem interessanten Landstrich, da er einst zu Deutschland gehörte und viele Menschen dort noch heute gut Deutsch sprechen. Ich war dort schon als Soldat auf einer Skireise 1987 und hatte eine mittelschwere Liaison mit der Tochter des Hauses, einer kleinen Pension am Fuße eines Berges. Nun, nach der langen Autofahrt dorthin übernachtete ich an einem Gebirgsfluss in meinem Auto, fror etwas und wusch mich am nächsten Morgen in dem Gebirgsbach. Dann kaufte ich der Mutter meiner Liebsten einen Blumenstrauß, nahm die extra aufgenommene Kassette (Al Jarreau war damals gerade in Mode) für meine Liebste mit und machte mich auf den Weg für den Überraschungsbesuch. Die Wiedersehensfreude war groß, vielleicht auch nur mittelgroß, da ich ja zu der Zeit so etwas Ähnliches wie homosexuell war und es mit den schönen Gesprächen, wie ein Jahr davor, nicht mehr so recht klappen wollte. Ich erklomm die Berge mit Anstrengung und wanderte sie erleichtert wieder hinab, sie, die ich einst als Skiläufer komfortabel mit dem Lift hinaufgefahren war, schaute auf die grünen Hänge und gedachte der Zeiten, in denen ich sie als flotter Skiläufer (und ich war gut: Parallelschwung im Tiefschnee usw.) hinuntergesaust war. Drei Tage blieb ich dort. Mit dem schwarzen Auto und dem pinkfarbenen Surfbrett wollte ich – wahrscheinlich – auch ein wenig angeben. Dann führte mich mein Weg weiter an den Gardasee. Die Alpen durch das Erklimmen der Pässe mit dem Auto und den ausgedehnte Talabfahrten verlassend, verließ ich auch die amourösen Zwistigkeiten, die eine intellektuelle Auseinandersetzung mit dem »Geschlechterkampf« so bringen. Der Gardasee wartete auf mich, und ich fühlte mich frei und – aus heutiger Sicht – im nirvana, »cool«, fuhr befreit die Pässe hinunter, eine Sonnenbrille im Gesicht, den Ellenbogen aus dem Fenster gelehnt, schöne Musik hörend. Mit einem kleinen Zelt kampierte ich dann dort, die Winde Ora und Vento mit dem Surfbrett genießend. Der Rest ist eine ZEN – Geschichte des Surfens. –

Als ich zurückkam nach Berlin, war ich so beeindruckt von meinen Erlebnissen, daß ich kaum sprechen konnte. Mir fehlten buchstäblich die Worte. –

Christian Ferch, 22. Juli 2015

Erlebnisse einer Urlaubsreise von 1987 nach Südtirol. Zusammengestellt aus „Kalina“ für Lisa Bräutigam

Seinen hochverdienten Urlaub während seiner Bundeswehrzeit ist Christoph nur sehr schwer zu planen imstande: Das Bahnticket ist schon gebucht, als er feststellen muss, dass sein Urlaubsantrag noch gar nicht eingereicht ist.

Im Nachtzug von Hamburg nach München belegt Christoph ein Bett im Schlafwagen, kann traumlos schlafen, da er einerseits sehr erschöpft ist, andererseits einen erholsamen Skiurlaub vor sich wähnt. –

München Hauptbahnhof. Menschenmengen winden sich die Bahnsteige entlang. Es ist laut und geschäftig.

Nach einigem Suchen: Umsteigen in den Zug nach Bozen.

Neben der obligatorischen körperlichen Ertüchtigung hatte Christoph immer wieder versucht, seiner Wehrdienstzeit positive Momente abzugewinnen, wie beispielsweise den in Selbstdisziplin verwandelten Zwang zur Disziplin, welcher einige andere Rekruten akademischer Provenienz zu brüskieren und zu echauffieren wusste.

Der Bahnhof in Bozen erschien Christoph altbacken und romantisch. Seine Wartezeit auf den kleinen VW-Bus, welcher ihn die letzte Strecke seines Weges nach Corvara transportieren sollte, überbrückte er in dem Bahnhofscafé. Er bestellte einen Espresso, nicht ohne die erotische Ausstrahlung der Kellnerinnen und Kellner mitsamt deren ästhetischen Bewegungen zu bemerken… –

Der Oberfeldwebel der Nachschubkompanie hatte einen kleinen Faible für Christoph: Dessen teils schelmische, teils intelligente Art schien es ihm angetan zu haben. Diesen talentierten Burschen musste er doch – auch in Anbetracht seiner zukünftigen Leistungsfähigkeit – trotz nicht ganz korrekter Bürokratie seinen Urlaub ermöglichen… –

Gemächlich, aber bestimmt wurde das Gepäck der Reisenden in den VW-Bus gewuchtet, welcher die Passagiere den letzten Rest ihres Weges in das ersehnte Skidorf bringen sollte. Die Fahrt, welche still erwartungsvoll begangen wurde, verlief ohne Zwischenfälle über die Passstraßen Südtirols, ohne dass Christoph ein Wort an einen Mitreisenden verlor. Er war einfach nur erschöpft von seinen Staatsdiensten, und gelobte sich, die wunderbar beeindruckende Atmosphäre der Dolomiten zu genießen, sein Herz mit ihr zu füllen.

Gebucht waren vierzehn Tage Übernachtung mit Frühstück in einer kleinen Pension in Corvara, Südtirol. –

In dem vom Tourismus lebenden Dorf nach dem VW-Bus-Transfer angekommen, versuchte Christoph, sich zu orientieren. Gleißende Sonne, deren helles Licht durch den Schnee reflektiert wurde, erschwerte ihm den suchenden Blick auf die kleine Karte, welche ihm neben der Buchungsbestätigung postalisch zugestellt worden war. Endlich fand er sein Ziel: Eine kleine Hütte, als Einfamilienhaus sowie als Pension dienend, lag am Fuße jenes Berges, welcher den sportlichen Brettkünstlern adäquate Abfahrten und Pisten zu bieten hatte, abseits des Ortskerns mit den vielen Hotels, Fremdenpensionen, Cafés und Diskotheken.

Während sich die Semesterferien ihrem Ende zuneigen, träumt Christoph weiter von vergangenen Tagen in Südtirol: Ebenso intensive wie ehrlich-offene Gespräche mit der Tochter des Hauses beim Frühstück, die mechanische Espressomaschine auf dem Gasherd macht zischende Geräusche, danach das Präparieren seiner Ski mit Wachs und Bügeleisen auf der von der Sonne schon gut erwärmten Terrasse vor dem Haus. Jeder Tag ein erholsamer Gewinn! Der Schnee auf den Pisten hat noch gute Qualität, obschon die Frühlingssonne ihm schon ein wenig zuzusetzen vermag. Nachts ist noch Frost. Das Ergebnis: Sulzschnee. Abends liest Christoph. Seine Mutter hatte ihm zwei Bücher in den Koffer gesteckt: Eines über Feminismus, ein anderes über Philosophie in Italien, Mailand und Neapel, zwar ein wenig simplifizierend, jedoch sehr unterhaltsam geschrieben von einem ehemaligen Ingenieur.

An einem der schönen Sonnentage seines Urlaubs in Südtirol hatte Christoph die Tochter der kleinen Pension überreden können, ihn auf seinen täglichen Ausflug auf die Skipisten zu begleiten. Sie hatte einen freien Tag, ohne Schule oder Job. An einer Gabelung entschieden sich die beiden, den jungfräulichen Tiefschnee abseits der planierten Pisten zu genießen. Gerade erst ein kleines Waldstück hinter sich lassend, erblickten sie ein weitläufiges Tal, an dessen Fuß einen kleine Holzhütte ihr einsames Dasein fristete. Gekonnt den Tiefschnee im Parallelschwung pflügend – jeder wollte dem anderen seine exzellenten Skikünste beweisen – näherten sie sich der Hütte. Unten angekommen, entschlossen sie sich zu einer Rast in der frühlingshaft wärmenden Sonne vor der Hütte. Ski und Stöcke in den Schnee gesteckt, ließen die beiden sich auf einem Holzabsatz nieder, um die nahezu unberührte Natur hier zu genießen: Keinerlei Geräusche von Liftanlagen oder andere Skiläufer störten die Idylle, das Tal der Lichtung, auf der die Hütte gebaut war, sah sich nur umsäumt von wenigen kleinen Nadelwaldstreifen, einzig der Blick auf das Bergpanorama ringsumher erinnerte daran, dass man sich in einem Urlaubsort in Südtirol befand.

So schön, erholsam, inspirierend und betörend der Urlaub, so melancholisch schwer der Abschied: Christoph hatte sich von Erika einen Ring als Andenken erbeten, ebenso wie die Verabschiedung am Bus nach Bozen. Erfüllten Herzens winkten die beiden sich lange noch zu, damals in den Dolomiten… –

Seit dieser Zeit prangt ein Ring am kleinen Finger Christophs rechter Hand, welcher zwar einige Male ob des Verlustes erneuert werden musste, jedoch – als Symbol – im Grunde seines Herzens ihn an diesen für ihn ausschlaggebenden Urlaub erinnern sollte.

(Aus: „Kalina oder die Liebe zum Leben… -„; geschrieben 2013 – 2017)

Anmerkung

Die Tochter des Hauses, der kleinen Pension am Fuße des Berges hieß Elisabeth. Elisabeth Penazzi. Deutsch: Elisabeth Planatscher. Oder einfach Lisa.

Gibt es Zufälle?

Venedig und Corvara – eine Reise nach Italien (1986)

Es war im Frühjahr 1986 in den Osterferien, als ich (seinerzeit noch nicht Christoph Fuchs) ein letztes Mal eine Urlaubsreise mit meinen Eltern antreten sollte. Mein Bruder, der sein Abitur bewältigt hatte, war für 15 Monate in Staatsdiensten bei der Bundeswehr. Verschiedenste Eignungstests hatten ihn für die Tätigkeit als Radarflugmelder erkoren, und so war ich auf der Reise einmal der einzige Sohn, sozusagen Einzelkind auf Zeit. –

Einmal weniger genervt als vielmehr angetan von der Kulturbeflissenheit der Mutter, schmiedete unsere Alliance Pläne für die Osterreise: Es sollte zunächst Venedig besichtigt werden, um dann den Weg zurück nach Norden in die Alpen zum Skilaufen zu finden. –

Das Auto war gepackt, sechzig Kilometer nördlich von Hamburg.

Von Hamburg nach München sind es ca. 800 km. Dann die Alpen überquert, und ab nach Trentino, auf dem Festland kurz vor Venedig.

Von Bozen nach Venedig sind es knapp 270 Kilometer.

Ich zählte 19 Lenze, so ist meine Erinnerung ein wenig getrübt.

Nach der Durchfahrt durch die Provinz Trentino (Hauptstadt Trient) erreichte man die für drei Nächte mit Frühstück gebuchte Pension. Jeden Tag früh aus den Federn, wurden die drei Tage genutzt, nach etwa halbstündigen Transfer die Sehenswürdigkeiten Venedigs in Augenschein zu nehmen: Der Campanile an der Piazza di San Morco, der Dogenpalast sowie Rialto- und Seufzerbrücke gehörten zum Pflichtprogramm der kulturbeflissenen Mutter. –

Danach Entspannung in den „Gassen“ Venedigs: Kleine und kleinste Wasserstraßen hier, von der Sonne beschienene Brücken ähnlichen Ausmaßes, und ein Jüngling mit einer roten Jeans. Icke halt, 1986… –

Nach den drei Tagen endlich Sport, zwei Wochen Abfahrtsski im Gadertal. In Corvara sprachen die Einheimischen neben Italienisch und Ladinisch auch recht gut Deutsch. Ein Tal weiter, in Cortina D’Ampezzo, nur noch Italienisch. Niente de Tedesco.

Gewidmet mit Dank Lisa Bräutigam.

Dr. Christian Ferch, 18. März 2019, Berlin-Lichterfelde.

Anmerkung

Der Name Ladinien bezeichnet ein geographisches Gebiet in den Dolomiten in Norditalien. Der Begriff wurde wahrscheinlich im 19. Jahrhundert als Bezeichnung für das ladinischsprachige Gadertal geprägt; die 1886 in Corvara gegründete Sektion des Deutschen und Österreichischen Alpenvereins trug den Namen Ladinia. (Wikipedia)

Selva Gardena (Wolkenstein), Campitello, Corvara, Cortina D’Ampezzo und Arabba sind Skiurlaubsorte und Stationen auf der „Sella – Runde“, einer Ski – Tour rund um ein Felsmassiv in den Dolomiten.

Der Kronplatz ist ein 2275 Meter hoher Berg in Südtirol, am Rande der Dolomiten. Er gilt als Hausberg von Bruneck und ist ein bekanntes Skigebiet. „Kronplatz“ nennt sich nicht nur der Berg, sondern auch die Ferienregion rund um den Berg. (Wikipedia)

Warum? Ein Gespräch – Eine Rezension

Ich finde, das war ein wirklich schöner philosophischer Kurzausflug, bei dem ich sowohl oft schmunzeln als auch noch öfter grübeln musste. Um ehrlich zu sein, Christian: Ich glaube, ich bin noch zu jung und unerfahren, um mich in der Kernthematik (falls es überhaupt eine gibt) wiederzufinden. Viele Gespräche und Segmente kann ich zwar irgenwo verstehen und nachvollziehen, tue mich aber schwer, die Thesen und Argumentationen an meinem eigenen Verstand und meinen eigenen Erlebnissen zu testen. Ich glaube, ich wurde in diesem Buch vor Fragen und Antworten gestellt, mir denen ich erst noch konfrontiert werde. Die Beziehung von Fuchs und Willenstein inspiriert mich, macht mich glücklich und traurig und wirkt, auch wenn die Gespräche im zeitlichen Schnelldurchlauf wiedergegeben werden und die Geschichte insgesamt sehr kurz ist, sehr vielschichtig und menschlich. Was ich schade finde, ist, dass oft philosophische Gedankengänge anfangen und in selbem Moment gefühlt schon wieder aufhören. Teilweise fühlte ich mich beim Lesen, ich hätte ganze Teile ausgelassen und musste nochmal lesen, weil ein Part schon so früh rum war und ich mich nicht gefühlt habe, als hätte ich den Punkt des Autors nicht ganz sehen können. Ich war zum Beispiel sehr interessiert an der buddhistischen Lehre und wie sie auf Fuchs wirkt, wurde aber vom Buch diesbezüglich viel zu wenig informiert. Wie dem auch sei, ich habe mir wieder deinen Stil, den du auch bei Liebestanz und Kalina gekonnt angewendet hast, auf der Zunge zergehen lassen. Dieser locker-schnelle, zeitlich und räumlich nicht klar abgegrenzte Schreibstil ist durchgehend ganz große Klasse und bewirkte bei mir einen regelrechten Sog-Effekt, sodass ich einfach weiterlesen musste.

(Ein Freund aus Leipzig, Student der Soziologie)

Die Wahrheit

(Fehler passieren, und auch ich bin nur ein Mensch. – Daher hier ein nachholender Eintrag:)

 

Es existieren unterschiedliche Methoden, sich einer oder der Wahrheit zu nähern.

Die Naturwissenschaften bieten hier:

  1. Probalistik (Wahrscheinlichkeiten)
  1. Kausalität. Ursache und Wirkung. Wenn X, dann U.

Wahrheit: Das ist etwas, worauf die Mehrheit einer Sprachgemeninschft sich einigt. Konsens ist Wahrheit. Reicht dies wirklich schon hin?

Wer am Lautesten schreit, ist überzeugend, oder?

Nicht ganz so streng, doch differenzierter, versuchen die Geisteswissenschaften, sich der Wahrheit zu nähern. Als wissenschaftliche Methodiken sind hier zu nennen:

  1. Hermeneutik
  2. Theorie der Identitätsbildung (G.H. Mead)
  3. Narrativik
  4. Psychoanalyse
  5. Handlungstheorie
  6. Phänomenologische Soziologie

 

Literatur:

Watzlawick, Paul. Wie wirklich ist die Wirklichkeit? Serie Piper, 1976

Rovelli, Carlo. Die Wirklichkeit, die nicht so ist, wie sie scheint. Rowohlt

.

Zu       1.            Hermeneutik

Hermeneutik ist eine philosophsche Disziplin, welche sich um genaues, persönliches     Zuhören Gedanken macht. Es kann die Rede sein von Empathie und            Einfühlungsvermögen in Gesprächen.

Zu       2.            Theorie der Identitätsbildung (G.H. Mead)

Eine Identität zu haben, erscheint für ein menschliches Individuum existentiell. Auf            welche Weise es sie erlangt, gebührt eingehenden Untersuchungen. Mit einer            Zugehörigkeit zu einer sozialen Gruppe scheint wenig gewonnen in Sachen Identität.

Zu       3.            Narrativik

„Narrare necesse est“, lautete eine der Maximen des skeptischen Philosophen Odo Marquard. In diesem Fall plädiert er – zwecks Erkennnisgewinns – für Erzählungen. Man kann ja sagen, wer man ist, und seinen Personalausweis auf den Tisch legen. Man kann sich auch jedoch Zeit nehmen, und sich Geschichten erzählen. Vielleicht lernt man ich so besser kennen.

Zu       4.            Psychoanalyse

Man kann – einerseits – schauen, was ist, was „Fakt“ ist, und an der Oberfläche verharren, wie besipielsweise Konversationsanalytiker und Positivisten es tun, und es – leicht schönfärberisch  – als „Praxisorientiertheit“ zu verkaufen wissen. Man kann – andererseits – jedoch auch einen Blick hinter die Kulissen wagen, und sich für Gründe und Hintergründe menschlichen Verhaltens interessieren. Der dafür benötigte Zeitaufwand bleibt zwar unbezahlt, jedoch mit fundamentalem Grundwissen entlohnt.

Zu       5.            Handlungstheorie

Derart gewappnet, mag man sich an die Oberfläche begeben, und einer Praxis frönen, welche von einer nicht unerheblichen Anzahl unserer Zeitgenossen als die einzige Wahrheit angesehen wird. Hintergründe, biographischer, psychischer oder kultureller        Provenienz, werden geleugnet: Nur die Praxis zählt.

Zu       6.            Phänomenologische Soziologie

Die Soziologie als Wissenschaft untersucht Wirkungen eines Individuums auf eine             Gemeinschaft/Gesellschaft, und die Wirkungen einer Gemeinschaft auf ein             Individuum. Hier ist sie einer Psychologie nicht fern. Phänomenologische Herangehensweise und Methodik, welche ihre philosophischen Wurzeln wir Edmund Husserl zu verdanken haben, bescheidet sich in nichteingreifender wissenschaftlicher Untersuchung.

 

© Dr. Ferch, 27. Januar 2019

Albert Camus: Das Absurde – Stimmung und Gefühl

»Es gibt nur ein wirklich ernstes philosophisches Problem: den Selbstmord. Die Entscheidung, ob das Leben sich lohne oder nicht, beantwortet die Grundfrag e der Philosophie. Alles andere – ob die Welt drei Dimensionen und der Geist neun oder zwölf Kategorien habe – kommt erst später. Das sind Spielereien; zunächst heißt es Antwort geben. Und wenn es wahr ist, daß – nach NIETZSCHE – ein Philosoph, der ernst genommen werden will, mit gutem Beispiel voran gehen solle, dann begreift man die Wichtigkeit dieser Antwort, da ihr die unmittelbare Tat folgen muß.Für das Herz sind das unmittelbare Gewißheiten, man muß sie aber gründlich untersuchen, um sie dem Geiste deutlich zu machen.«

Den ersten Schritt zur wissenschaftlichen Abstraktion der Soziologie wagte Arthur Schopenhauer mit seiner Misanthropie: Sich von Menschen und sozialen Bindungen lösen, um einen besseren Überblick zu gewinnen. Pate stand und steht Seneca mit seinen Überlegungen aus »Von der Kürze des Lebens«. Hier sind Gedanken zu finden, welche sich gar nicht einmnal aufgemacht hatten, oder die Intention verfolgten, eine neue Wissenchaft – in diesem Fall Soziologie – zu gründen oder ins Leben zu rufen.

In diesem Zusammenhang… – :

  1. Um die Gesellschaft zu verstehen,

muß man sich von ihr trennen.

CF, 10.11.89

Stehst Du im Wald, so siehst Du Bäume. Einen vor Dir, einen hinter Dir. Rechts und links, so neben Dir, ooch noch zwee.

Tritts Du zurück 50 Meter, Du sehen ganze Wald.

Genau dies wollten uns Albert Camus und Seneca mitteilen und uns nahe bringen: Eine Stimmung, ein Gefühl und eine Geisteshaltung.

Dr. Ferch, 11.02.2019

Erinnerung an Geh – Punkt… –

Die Weihnachtsfeier: Einige Kollegen sind versammelt und sie sitzt rechts direkt neben ihm, traditionell. Es werden Späße gemacht. Die Bekannte turtelt mit dem Bekannten, der Freund macht Späße, und es scheint, ein gelungener Abend zu werden. Plötzlich, wie aus heiterem Himmel, landet ihre Hand zwischen seinen Beinen. Er sagt: „Hey, Moment mal, weißt du, was du da tust? Doch nicht vor allen Leuten! Contenance, meine Liebe, Contenance!“ – Als sie sich auch noch daran macht, seinen Gürtel zu öffnen, will er fast seinen Platz wechseln, aber er kann sie grad noch dazu bewegen, innezuhalten.

Sie war jung und es war Weihnachten…

(Wintersemester 1995/96)

Über die Willkürlichkeit (Arbitrarität) eines sprachlichen Zeichens

Um unseren Sprachgebrauch sowie dessen Hintergründe und Bedingungen zu reflektieren und zu erforschen, hier ein weiteres Mal der Vorschlag eines Ausflugs in die Sprachwissenschaft.

Im ersten Teil (Allgemeine Grundlagen) seiner Schrift „Grundfragen der allgemeinen Spachwissenschaft“ spricht Ferdinand de Saussure in § 2. von der Beliebigkeit des Zeichens:

„Das Band, welches das Bezeichnete mit der Bezeichnung verknüpft, ist beliebig; und da wir unter Zeichen das durch die assoziative Verbindung einer Bezeichnung mit einem Bezeichneten erzeugte Ganze verstehen, so können wir dafür auch einfacher sagen: das sprachliche Zeichen ist beliebig.“[1]

Erklärt und verstanden werden kann dieser Grundsatz durch folgendes Beispiel: Warum nennen wir bestimmte Gegenstände gerade „Tisch“ und andere „Stuhl“? Könnte es nicht auch umgekehrt sein? Warum nennen wir einen Tisch nicht „Lampe“ und einen Stuhl „Birne“?

Hier gilt es, eine weitere Überlegung in Rechnung zu stellen: Die Konvention. Das Wort stammt aus dem Lateinischen, von convenire, und bedeutet, zusammen- oder übereinkommen. Die Mitglieder einer Sprachgemeinschaft habe sich geeinigt, einen Tisch „Tisch“, und einen Stuhl „Stuhl“ zu nennen.

„Tatsächlich beruht jedes in einer Gesellschaft rezipierte Ausdrucksmittel auf einer Kollektivgewohnheit, oder, was auf dasselbe hinauskommt, auf der Konvention.“[2]

Nun scheint es einen Einwand zu geben gegen das Prinzip der Beliebigkeit des sprachlichen Zeichens: Die Onomatopoetika, die Lautmalereien. Beispielsweise anzunehmen, eine Kuh wurde nach den Geräuschen, welche sie von sich gibt, so benannt, gehört zu diesen als Ausnahmen zu bewertenden Namensgebungen.

Schon der französische surrealistische Maler René Magritte war sich diesem verunsichenden Umstand bewusst: Auf einem Bild schrieb er unter eine brennnde Kerze „le plafon“ (dt. die Decke), unter einen Herrenhut, eine Melone „la neige“ (dt. der Schnee). –

Es bleibt also bei dem Grundsatz der Beliebigkeit des sprachlichen Zeichens.

 

[1] Ferdinand de Saussure: Grundfragen der allgemeinen Sprachwissenschaft, S. 79.

[2] Ferdinand de Saussure: Grundfragen der allgemeinen Sprachwissenschaft, S. 80.

Lachen Sie ruhig! Die Philosophen lachen lauter… –

Manch Einer hat wenig zu lachen, so sagt man landläufig, denn sein Leben erscheint ihm übermäßig beschwerlich, doch wenn er Jemandes Missgeschickes Zeuge wird, kann er sich sein Gelächter kaum verkneifen.

»Das Lachen unterscheidet Mensch und Tier. Man erkennt den Menschen stets daran, dass er zum rechten Zeitpunkt lachen kann.«, heißt es im „Timm Thaler“ von James Krüss. Hier hatte ein Jüngling sein menschliches, herzhaftes Lachen an den Baron Lefuet (rückwärts gelesen: „Teufel“!) verkauft gegen die Fähgkeit, jegliche Wetten zu gewinnen, und so zu einem reichen Mann zu werden. Ohne Lachen allerdings. War dies ein gutes Geschäft?

Warum lachen Menschen, und was steckt dahinter? –

Lachen über ein Missgeschick eines Mitmenschen: Das ist nach Sigmund Freuds psychoanalytischer Interpretation eine Triebabfuhr der Erleichterung. Erleichtert darüber, dass ihm das Missgeschick nicht selber widerfahren ist, lacht ein Mensch.

Auch Philosophen haben über das Lachen nachgedacht. Denn philosophieren bedeutet: Alles denken dürfen und müssen, nichts Menschliches gehört ausgeschlossen. Und hier – beim Ausgeschlossenen – sind wir sofort ganz nahe dran an einer philosophischen Interpretation des Lachens. Durch Lachen nämlich wird scheinbar Ausgeschlossenes eben nicht ignoriert, sondern – im Gegenteil – wieder hereingeholt in die Psyche des Lachenden und seine soziale Gruppe, denn diese wurde angesteckt durch seine Fröhlichkeit.

Gelächter und Lächerlichkeit. Dies mag zwar für den betroffenen Ausgelachten erniedrigend sein, doch ist dies immerhin das Gegenteil von Ignoranz: Der Belachte wird wahrgenommen und Mitgefühl ist ihm gewiss, selbst noch durch eine Demütigung. Wäre er ein Stein, käme ihm derartige Empathie nicht zuteil.

© Dr. Ferch, Berlin; 27. Dezember 2018

Menschlichkeit und Kompetenz – Gleichheit und Gerechtigkeit – brauchen wir Hierarchien?

Die Augenwischerei der Gleichheit aller Menschen hatte uns die Aufklärung versprochen. Ihre Ideen waren emanzipatorisch angelegt, und durch die Aussicht, mit eigenem, freien Denken zu einem freien, individuellen Individuum sich zu entwickeln, schien nicht nur verlockend, sondern ziemlich real und greifbar nahe.

Bei näherem Hinsehen und Reflektieren allerdings kommt der Pferdefuß aufklärerischen Denkens zum Vorschein: Vorurteilsfrei Denken und Handeln, ohne jegliche Autorität. Dies war die Aussicht des gelobten Landes. Doch eben dies ist ein neues Vorurteil, welches nicht als solches gesehen wird. Angefangen bei Sprache, Kultur und Religion, werden Hintergründe wie Voraussetzungen unseres Denkens und Handelns offenbar, ohne die wir nicht wären, was wir sind. Aufgeklärt und frei: Wie bitte? – Einmal Nachdenken, bitte!

»So ist denn dem Projekt und der Epoche der Aufklärung ein gehöriges Selbstmissverständnis zu bescheinigen: Sie, die eine Ablehnung jeglicher Autoritäten und Vorurteile postuliert, verkennt diese ihre Haltung als eben ihr ureigenes Vorurteil. – Auch Hans-Georg Gadamer („Wahrheit und Methode“) kann der Anerkennung einer Autorität durchaus Positives abgewinnen:

»So ist die Anerkennung von Autorität immer mit dem Gedanken verbunden, daß das, was die Autorität sagt, nicht unvernünftige Willkür ist, sondern im Prinzip eingesehen werden kann. (Gadamer, S. 264)«

(»Elemente einer allgemeinen Kommunikationstheorie«; S. 226ff; Christian Ferch)

Hoppladihopp! Unbeschwert und frei neu von Vorne zu beginnen, das wäre schön. Doch haben wir Rucksäcke, Sprachen, Denkmuster und Traditionen, ohne die wir auch nicht sein wollen, und nicht wären, was wir sind. Schon vergessen?

Besser oder schlechter, talentierter, intelligenter, ästhetischer oder kreativer gibt es nicht, so die Maxime der einheitsbeflissenen linken Ideologie. Alle Menschen sind gleich! Blickt man etwas tiefer, und reflektiert den Begriff, wird klar, dass »Ideologie« bedeutet, eigene, individuelle und persönliche Interessen als Gemeinwohl und Gerechtigkeit zu verkaufen. Ist das noch gerecht??? –

Gerecht: Was ist das? Vielleicht, einen Menschen wahrzunehmen mit all seiner Individualität und seinen Talenten?

»Komm‘ doch mal auf den Teppich!« – »Auf Deinen oder auf meinen?«

Ein erster Punkt meiner Kritik richtet sich gegen Utilitarismus, wie ich es nenne. Also Denken und lernen, um zu funktionieren, in welchem System auch immer. Der zweite schimmert durch: Die Menschen sind verschieden, und manche sind stärker oder geschickter, oder talentierter. Von „unten“ kommt dann die Ansage, die Menschen seien doch alle gleich. Dies ist in meinen Augen „Ideologie“. Die Schwächeren (an Körper oder Geist bzw. Intellekt) sagen zu den Begabten „Du bist doch gar nicht besser als ich, denn die Menschen sind alle gleich!“ – Und eben dies finde ich ungerecht. Denn Gerechtigkeit bedeutet, einem Menschen gerecht zu werden, seinen Fähigkeiten und Talenten. Vielleicht einfach einmal zu sagen: „Whow, der kann was, da komme ich nicht mit.“ Das wäre gerecht.

Dazu möchte ich abschließend bemerken:

  1. „Be- und Abwertung“ menschlicher Talente und Fähigkeiten. Die Frage ist, wer sich das Recht und damit die Macht herausnimmt, zu bewerten. Nichts und niemand hat mehr seinen Wert, sondern nur noch seinen Preis.

Th. W. Adorno spricht von einem »bürgerlichen Egalitätsideal, das nichts qualitativ Verschiedenes toleriert.« (Negative Dialektik, 1966, S. 150) Bedeutet, Erfahrungen und Kompetenzen der durchaus verschiedenen Individuen zählen nichts mehr, nurmehr positivistische Verwertbarkeit im kapitalistischen System zählen und werden bezahlt.

Weiter analysiert Adorno: »Ein Widerspruch etwa wie der zwischen der Bestimmung, die der Einzelne als seine eigene weiß, und der, welche die Gesellschaft ihm aufdrängt, wenn er sein Leben erwerben will, der >Rolle<, ist ohne Manipulation, ohne Zwischenschaltung armseliger Oberbegriffe, welche die wesentlichen Differenzen verschwinden machen, unter keine Einheit zu bringen; […]« (Negative Dialektik, S. 155)

  1. Möchte ich heraus- und klarstellen, dass es auch wohlwollende und individuelle Talente fördernde Herrscher geben kann und gibt: Sie nutzen die ihnen (durch Hierarchie) zur Verfügung stehende Macht, um Freiräume zu schaffen und Entfaltung von Talenten und persönlichkeiten erst zu ermöglichen und zu fördern. –

Diesen Erkenntnisgewinn machte ich durch ein Zitat von Michel Foucault:

»Man muss aufhören, die Wirkungen der Macht immer negativ zu beschreiben, als ob sie nur »ausschließen«, »unterdrücken«, »verdrängen«, »zensieren«, »abstrahieren«, »maskieren«, »verschleiern« würde. In Wirklichkeit ist die Macht produktiv; und sie produziert Wirkliches. Sie produziert Gegenstandsbereiche und Wahrheitsrituale: das Individuum und seine Erkenntnis sind Ergebnisse dieser Produktion. (Hervorhebung von mir; C.F.) (Foucault, S. 250)«

Diese Einsicht konnte mich überraschen und besänftigen, was meine „revolutionären“ und umstürzlerischen Gefühle gegenüber Mächtigen betraf. Gerade von einem Michel Foucault hätte ich eine derartige Einsicht nicht erwartet. –

So manches Mal wurde ich als „autoritätsgläubig“ angefeindet. Denkt man die Gedanken zu Ende, welche ich im Kapitel 4. »Kommunikation und Macht« meiner Dissertation entwickelt und reflektiert habe, wird klar, dass es sich um ein Missverständnis handelt. Wie bei den Aufklärern.

Es ist das Missverständnis von Gleichheit: An die Stelle von Chancengleichheit wird die Gleichheit von Talenten und Fähigkeiten gesetzt. Ein Beispiel: Zwei Olympioniken werfen denselben Speer durch eine Arena. Einer von ihnen wirft ihn zehn Meter weiter. Sind die beiden Sportler nun gleich???

© Dr. Christian Ferch, 23. – 25. Dezember 2018; Berlin

 

Literatur

Adorno, Th. W.. Negative Dialektik. Frankfurt am Main, Suhrkamp Taschenbuch Verlag 1966.

Ferch, Christian. Elemente einer alllgemeinen Kommunikationstheorie. Darin: Kapitel 4. „Kommunikation und Macht“. Norderstedt, Books on Demand 2015.

Foucault, Michel. Wahnsinn und Gesellschaft. Frankfurt am Main: Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft 1973.

Gadamer, Hans-Georg. Wahrheit und Methode. 2. Auflage. Tübingen: J.C.B. Mohr (Paul Siebeck): 1965.