Die Wahrheit

(Fehler passieren, und auch ich bin nur ein Mensch. – Daher hier ein nachholender Eintrag:)

 

Es existieren unterschiedliche Methoden, sich einer oder der Wahrheit zu nähern.

Die Naturwissenschaften bieten hier:

  1. Probalistik (Wahrscheinlichkeiten)
  1. Kausalität. Ursache und Wirkung. Wenn X, dann U.

Wahrheit: Das ist etwas, worauf die Mehrheit einer Sprachgemeninschft sich einigt. Konsens ist Wahrheit. Reicht dies wirklich schon hin?

Wer am Lautesten schreit, ist überzeugend, oder?

Nicht ganz so streng, doch differenzierter, versuchen die Geisteswissenschaften, sich der Wahrheit zu nähern. Als wissenschaftliche Methodiken sind hier zu nennen:

  1. Hermeneutik
  2. Theorie der Identitätsbildung (G.H. Mead)
  3. Narrativik
  4. Psychoanalyse
  5. Handlungstheorie
  6. Phänomenologische Soziologie

 

Literatur:

Watzlawick, Paul. Wie wirklich ist die Wirklichkeit? Serie Piper, 1976

Rovelli, Carlo. Die Wirklichkeit, die nicht so ist, wie sie scheint. Rowohlt

.

Zu       1.            Hermeneutik

Hermeneutik ist eine philosophsche Disziplin, welche sich um genaues, persönliches     Zuhören Gedanken macht. Es kann die Rede sein von Empathie und            Einfühlungsvermögen in Gesprächen.

Zu       2.            Theorie der Identitätsbildung (G.H. Mead)

Eine Identität zu haben, erscheint für ein menschliches Individuum existentiell. Auf            welche Weise es sie erlangt, gebührt eingehenden Untersuchungen. Mit einer            Zugehörigkeit zu einer sozialen Gruppe scheint wenig gewonnen in Sachen Identität.

Zu       3.            Narrativik

„Narrare necesse est“, lautete eine der Maximen des skeptischen Philosophen Odo Marquard. In diesem Fall plädiert er – zwecks Erkennnisgewinns – für Erzählungen. Man kann ja sagen, wer man ist, und seinen Personalausweis auf den Tisch legen. Man kann sich auch jedoch Zeit nehmen, und sich Geschichten erzählen. Vielleicht lernt man ich so besser kennen.

Zu       4.            Psychoanalyse

Man kann – einerseits – schauen, was ist, was „Fakt“ ist, und an der Oberfläche verharren, wie besipielsweise Konversationsanalytiker und Positivisten es tun, und es – leicht schönfärberisch  – als „Praxisorientiertheit“ zu verkaufen wissen. Man kann – andererseits – jedoch auch einen Blick hinter die Kulissen wagen, und sich für Gründe und Hintergründe menschlichen Verhaltens interessieren. Der dafür benötigte Zeitaufwand bleibt zwar unbezahlt, jedoch mit fundamentalem Grundwissen entlohnt.

Zu       5.            Handlungstheorie

Derart gewappnet, mag man sich an die Oberfläche begeben, und einer Praxis frönen, welche von einer nicht unerheblichen Anzahl unserer Zeitgenossen als die einzige Wahrheit angesehen wird. Hintergründe, biographischer, psychischer oder kultureller        Provenienz, werden geleugnet: Nur die Praxis zählt.

Zu       6.            Phänomenologische Soziologie

Die Soziologie als Wissenschaft untersucht Wirkungen eines Individuums auf eine             Gemeinschaft/Gesellschaft, und die Wirkungen einer Gemeinschaft auf ein             Individuum. Hier ist sie einer Psychologie nicht fern. Phänomenologische Herangehensweise und Methodik, welche ihre philosophischen Wurzeln wir Edmund Husserl zu verdanken haben, bescheidet sich in nichteingreifender wissenschaftlicher Untersuchung.

 

© Dr. Ferch, 27. Januar 2019

Albert Camus: Das Absurde – Stimmung und Gefühl

»Es gibt nur ein wirklich ernstes philosophisches Problem: den Selbstmord. Die Entscheidung, ob das Leben sich lohne oder nicht, beantwortet die Grundfrag e der Philosophie. Alles andere – ob die Welt drei Dimensionen und der Geist neun oder zwölf Kategorien habe – kommt erst später. Das sind Spielereien; zunächst heißt es Antwort geben. Und wenn es wahr ist, daß – nach NIETZSCHE – ein Philosoph, der ernst genommen werden will, mit gutem Beispiel voran gehen solle, dann begreift man die Wichtigkeit dieser Antwort, da ihr die unmittelbare Tat folgen muß.Für das Herz sind das unmittelbare Gewißheiten, man muß sie aber gründlich untersuchen, um sie dem Geiste deutlich zu machen.«

Den ersten Schritt zur wissenschaftlichen Abstraktion der Soziologie wagte Arthur Schopenhauer mit seiner Misanthropie: Sich von Menschen und sozialen Bindungen lösen, um einen besseren Überblick zu gewinnen. Pate stand und steht Seneca mit seinen Überlegungen aus »Von der Kürze des Lebens«. Hier sind Gedanken zu finden, welche sich gar nicht einmnal aufgemacht hatten, oder die Intention verfolgten, eine neue Wissenchaft – in diesem Fall Soziologie – zu gründen oder ins Leben zu rufen.

In diesem Zusammenhang… – :

  1. Um die Gesellschaft zu verstehen,

muß man sich von ihr trennen.

CF, 10.11.89

Stehst Du im Wald, so siehst Du Bäume. Einen vor Dir, einen hinter Dir. Rechts und links, so neben Dir, ooch noch zwee.

Tritts Du zurück 50 Meter, Du sehen ganze Wald.

Genau dies wollten uns Albert Camus und Seneca mitteilen und uns nahe bringen: Eine Stimmung, ein Gefühl und eine Geisteshaltung.

Dr. Ferch, 11.02.2019

Erinnerung an Geh – Punkt… –

Die Weihnachtsfeier: Einige Kollegen sind versammelt und sie sitzt rechts direkt neben ihm, traditionell. Es werden Späße gemacht. Die Bekannte turtelt mit dem Bekannten, der Freund macht Späße, und es scheint, ein gelungener Abend zu werden. Plötzlich, wie aus heiterem Himmel, landet ihre Hand zwischen seinen Beinen. Er sagt: „Hey, Moment mal, weißt du, was du da tust? Doch nicht vor allen Leuten! Contenance, meine Liebe, Contenance!“ – Als sie sich auch noch daran macht, seinen Gürtel zu öffnen, will er fast seinen Platz wechseln, aber er kann sie grad noch dazu bewegen, innezuhalten.

Sie war jung und es war Weihnachten…

(Wintersemester 1995/96)

Über die Willkürlichkeit (Arbitrarität) eines sprachlichen Zeichens

Um unseren Sprachgebrauch sowie dessen Hintergründe und Bedingungen zu reflektieren und zu erforschen, hier ein weiteres Mal der Vorschlag eines Ausflugs in die Sprachwissenschaft.

Im ersten Teil (Allgemeine Grundlagen) seiner Schrift „Grundfragen der allgemeinen Spachwissenschaft“ spricht Ferdinand de Saussure in § 2. von der Beliebigkeit des Zeichens:

„Das Band, welches das Bezeichnete mit der Bezeichnung verknüpft, ist beliebig; und da wir unter Zeichen das durch die assoziative Verbindung einer Bezeichnung mit einem Bezeichneten erzeugte Ganze verstehen, so können wir dafür auch einfacher sagen: das sprachliche Zeichen ist beliebig.“[1]

Erklärt und verstanden werden kann dieser Grundsatz durch folgendes Beispiel: Warum nennen wir bestimmte Gegenstände gerade „Tisch“ und andere „Stuhl“? Könnte es nicht auch umgekehrt sein? Warum nennen wir einen Tisch nicht „Lampe“ und einen Stuhl „Birne“?

Hier gilt es, eine weitere Überlegung in Rechnung zu stellen: Die Konvention. Das Wort stammt aus dem Lateinischen, von convenire, und bedeutet, zusammen- oder übereinkommen. Die Mitglieder einer Sprachgemeinschaft habe sich geeinigt, einen Tisch „Tisch“, und einen Stuhl „Stuhl“ zu nennen.

„Tatsächlich beruht jedes in einer Gesellschaft rezipierte Ausdrucksmittel auf einer Kollektivgewohnheit, oder, was auf dasselbe hinauskommt, auf der Konvention.“[2]

Nun scheint es einen Einwand zu geben gegen das Prinzip der Beliebigkeit des sprachlichen Zeichens: Die Onomatopoetika, die Lautmalereien. Beispielsweise anzunehmen, eine Kuh wurde nach den Geräuschen, welche sie von sich gibt, so benannt, gehört zu diesen als Ausnahmen zu bewertenden Namensgebungen.

Schon der französische surrealistische Maler René Magritte war sich diesem verunsichenden Umstand bewusst: Auf einem Bild schrieb er unter eine brennnde Kerze „le plafon“ (dt. die Decke), unter einen Herrenhut, eine Melone „la neige“ (dt. der Schnee). –

Es bleibt also bei dem Grundsatz der Beliebigkeit des sprachlichen Zeichens.

 

[1] Ferdinand de Saussure: Grundfragen der allgemeinen Sprachwissenschaft, S. 79.

[2] Ferdinand de Saussure: Grundfragen der allgemeinen Sprachwissenschaft, S. 80.

Lachen Sie ruhig! Die Philosophen lachen lauter… –

Manch Einer hat wenig zu lachen, so sagt man landläufig, denn sein Leben erscheint ihm übermäßig beschwerlich, doch wenn er Jemandes Missgeschickes Zeuge wird, kann er sich sein Gelächter kaum verkneifen.

»Das Lachen unterscheidet Mensch und Tier. Man erkennt den Menschen stets daran, dass er zum rechten Zeitpunkt lachen kann.«, heißt es im „Timm Thaler“ von James Krüss. Hier hatte ein Jüngling sein menschliches, herzhaftes Lachen an den Baron Lefuet (rückwärts gelesen: „Teufel“!) verkauft gegen die Fähgkeit, jegliche Wetten zu gewinnen, und so zu einem reichen Mann zu werden. Ohne Lachen allerdings. War dies ein gutes Geschäft?

Warum lachen Menschen, und was steckt dahinter? –

Lachen über ein Missgeschick eines Mitmenschen: Das ist nach Sigmund Freuds psychoanalytischer Interpretation eine Triebabfuhr der Erleichterung. Erleichtert darüber, dass ihm das Missgeschick nicht selber widerfahren ist, lacht ein Mensch.

Auch Philosophen haben über das Lachen nachgedacht. Denn philosophieren bedeutet: Alles denken dürfen und müssen, nichts Menschliches gehört ausgeschlossen. Und hier – beim Ausgeschlossenen – sind wir sofort ganz nahe dran an einer philosophischen Interpretation des Lachens. Durch Lachen nämlich wird scheinbar Ausgeschlossenes eben nicht ignoriert, sondern – im Gegenteil – wieder hereingeholt in die Psyche des Lachenden und seine soziale Gruppe, denn diese wurde angesteckt durch seine Fröhlichkeit.

Gelächter und Lächerlichkeit. Dies mag zwar für den betroffenen Ausgelachten erniedrigend sein, doch ist dies immerhin das Gegenteil von Ignoranz: Der Belachte wird wahrgenommen und Mitgefühl ist ihm gewiss, selbst noch durch eine Demütigung. Wäre er ein Stein, käme ihm derartige Empathie nicht zuteil.

© Dr. Ferch, Berlin; 27. Dezember 2018

Menschlichkeit und Kompetenz – Gleichheit und Gerechtigkeit – brauchen wir Hierarchien?

Die Augenwischerei der Gleichheit aller Menschen hatte uns die Aufklärung versprochen. Ihre Ideen waren emanzipatorisch angelegt, und durch die Aussicht, mit eigenem, freien Denken zu einem freien, individuellen Individuum sich zu entwickeln, schien nicht nur verlockend, sondern ziemlich real und greifbar nahe.

Bei näherem Hinsehen und Reflektieren allerdings kommt der Pferdefuß aufklärerischen Denkens zum Vorschein: Vorurteilsfrei Denken und Handeln, ohne jegliche Autorität. Dies war die Aussicht des gelobten Landes. Doch eben dies ist ein neues Vorurteil, welches nicht als solches gesehen wird. Angefangen bei Sprache, Kultur und Religion, werden Hintergründe wie Voraussetzungen unseres Denkens und Handelns offenbar, ohne die wir nicht wären, was wir sind. Aufgeklärt und frei: Wie bitte? – Einmal Nachdenken, bitte!

»So ist denn dem Projekt und der Epoche der Aufklärung ein gehöriges Selbstmissverständnis zu bescheinigen: Sie, die eine Ablehnung jeglicher Autoritäten und Vorurteile postuliert, verkennt diese ihre Haltung als eben ihr ureigenes Vorurteil. – Auch Hans-Georg Gadamer („Wahrheit und Methode“) kann der Anerkennung einer Autorität durchaus Positives abgewinnen:

»So ist die Anerkennung von Autorität immer mit dem Gedanken verbunden, daß das, was die Autorität sagt, nicht unvernünftige Willkür ist, sondern im Prinzip eingesehen werden kann. (Gadamer, S. 264)«

(»Elemente einer allgemeinen Kommunikationstheorie«; S. 226ff; Christian Ferch)

Hoppladihopp! Unbeschwert und frei neu von Vorne zu beginnen, das wäre schön. Doch haben wir Rucksäcke, Sprachen, Denkmuster und Traditionen, ohne die wir auch nicht sein wollen, und nicht wären, was wir sind. Schon vergessen?

Besser oder schlechter, talentierter, intelligenter, ästhetischer oder kreativer gibt es nicht, so die Maxime der einheitsbeflissenen linken Ideologie. Alle Menschen sind gleich! Blickt man etwas tiefer, und reflektiert den Begriff, wird klar, dass »Ideologie« bedeutet, eigene, individuelle und persönliche Interessen als Gemeinwohl und Gerechtigkeit zu verkaufen. Ist das noch gerecht??? –

Gerecht: Was ist das? Vielleicht, einen Menschen wahrzunehmen mit all seiner Individualität und seinen Talenten?

»Komm‘ doch mal auf den Teppich!« – »Auf Deinen oder auf meinen?«

Ein erster Punkt meiner Kritik richtet sich gegen Utilitarismus, wie ich es nenne. Also Denken und lernen, um zu funktionieren, in welchem System auch immer. Der zweite schimmert durch: Die Menschen sind verschieden, und manche sind stärker oder geschickter, oder talentierter. Von „unten“ kommt dann die Ansage, die Menschen seien doch alle gleich. Dies ist in meinen Augen „Ideologie“. Die Schwächeren (an Körper oder Geist bzw. Intellekt) sagen zu den Begabten „Du bist doch gar nicht besser als ich, denn die Menschen sind alle gleich!“ – Und eben dies finde ich ungerecht. Denn Gerechtigkeit bedeutet, einem Menschen gerecht zu werden, seinen Fähigkeiten und Talenten. Vielleicht einfach einmal zu sagen: „Whow, der kann was, da komme ich nicht mit.“ Das wäre gerecht.

Dazu möchte ich abschließend bemerken:

  1. „Be- und Abwertung“ menschlicher Talente und Fähigkeiten. Die Frage ist, wer sich das Recht und damit die Macht herausnimmt, zu bewerten. Nichts und niemand hat mehr seinen Wert, sondern nur noch seinen Preis.

Th. W. Adorno spricht von einem »bürgerlichen Egalitätsideal, das nichts qualitativ Verschiedenes toleriert.« (Negative Dialektik, 1966, S. 150) Bedeutet, Erfahrungen und Kompetenzen der durchaus verschiedenen Individuen zählen nichts mehr, nurmehr positivistische Verwertbarkeit im kapitalistischen System zählen und werden bezahlt.

Weiter analysiert Adorno: »Ein Widerspruch etwa wie der zwischen der Bestimmung, die der Einzelne als seine eigene weiß, und der, welche die Gesellschaft ihm aufdrängt, wenn er sein Leben erwerben will, der >Rolle<, ist ohne Manipulation, ohne Zwischenschaltung armseliger Oberbegriffe, welche die wesentlichen Differenzen verschwinden machen, unter keine Einheit zu bringen; […]« (Negative Dialektik, S. 155)

  1. Möchte ich heraus- und klarstellen, dass es auch wohlwollende und individuelle Talente fördernde Herrscher geben kann und gibt: Sie nutzen die ihnen (durch Hierarchie) zur Verfügung stehende Macht, um Freiräume zu schaffen und Entfaltung von Talenten und persönlichkeiten erst zu ermöglichen und zu fördern. –

Diesen Erkenntnisgewinn machte ich durch ein Zitat von Michel Foucault:

»Man muss aufhören, die Wirkungen der Macht immer negativ zu beschreiben, als ob sie nur »ausschließen«, »unterdrücken«, »verdrängen«, »zensieren«, »abstrahieren«, »maskieren«, »verschleiern« würde. In Wirklichkeit ist die Macht produktiv; und sie produziert Wirkliches. Sie produziert Gegenstandsbereiche und Wahrheitsrituale: das Individuum und seine Erkenntnis sind Ergebnisse dieser Produktion. (Hervorhebung von mir; C.F.) (Foucault, S. 250)«

Diese Einsicht konnte mich überraschen und besänftigen, was meine „revolutionären“ und umstürzlerischen Gefühle gegenüber Mächtigen betraf. Gerade von einem Michel Foucault hätte ich eine derartige Einsicht nicht erwartet. –

So manches Mal wurde ich als „autoritätsgläubig“ angefeindet. Denkt man die Gedanken zu Ende, welche ich im Kapitel 4. »Kommunikation und Macht« meiner Dissertation entwickelt und reflektiert habe, wird klar, dass es sich um ein Missverständnis handelt. Wie bei den Aufklärern.

Es ist das Missverständnis von Gleichheit: An die Stelle von Chancengleichheit wird die Gleichheit von Talenten und Fähigkeiten gesetzt. Ein Beispiel: Zwei Olympioniken werfen denselben Speer durch eine Arena. Einer von ihnen wirft ihn zehn Meter weiter. Sind die beiden Sportler nun gleich???

© Dr. Christian Ferch, 23. – 25. Dezember 2018; Berlin

 

Literatur

Adorno, Th. W.. Negative Dialektik. Frankfurt am Main, Suhrkamp Taschenbuch Verlag 1966.

Ferch, Christian. Elemente einer alllgemeinen Kommunikationstheorie. Darin: Kapitel 4. „Kommunikation und Macht“. Norderstedt, Books on Demand 2015.

Foucault, Michel. Wahnsinn und Gesellschaft. Frankfurt am Main: Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft 1973.

Gadamer, Hans-Georg. Wahrheit und Methode. 2. Auflage. Tübingen: J.C.B. Mohr (Paul Siebeck): 1965.

»Warum? – Ein Gespräch.« Mein neues Buch ist fertig gestellt.

Letzten Sonnabend war es so weit: Nach Korrektur der letzten 30 Seiten des Textes sowie einer »Schlacht« mit technischen Möglichkeiten und Gegebenheiten ist das Buch fertig. Es handelt von philosophischen Dialogen über unterschiedlichste Themen, welche ich – zugegeben – der Spannung halber zugespitzt und dramatisiert habe. Doch ist eben Literatur – als eine von vielen Kunstformen – kreativ und frei… –

Otto Lilienthal

Inspiriert von der Lektüre J.W.v. Goethes, Klaus Manns, Hermann Hesses und vor allem Friedrich Nietzsches, tauschen die beiden, die aus unterschiedlichen Welten kommen, ihre Gedanken aus. Friedhelm Willenstein, Realschüler und lange Jahre Zeitsoldat, fordert Christoph Fuchs, der überlang studiert und an seiner Doktorabeit geschrieben hat, fast schon über die Maßen heraus mit seinen Fragen und seinem Wissensdurst. Bei Konflikten wegen unterschiedlicher Sichtweisen oder Geschmack weist Christoph Fuchs Willenstein darauf hin, dass die Menschen verschieden sind und es eben nicht nur eine Wahrheit gibt.

Warum? – Es könnte gestern gewesen sein. Wirklich.

Das Buch befindet sich im Druck, und ist sicherlich in der nächsten Woche in vielen shops zu erwerben.

Ich freue mich über Euer Interesse!

In Dankbarkeit, Euer CF.

Ein Gedicht aus dem Archiv – Polemisches zum Nachdenken

Einst betrat ich in den Semesterferien eines heißen Sommers ein Studentencafé der Freien Universität Berlin. Dort erblickte ich auf einem der Tische eine Kerze, welche sich durch die Sonneneinstrahlung mehr als ein wenig gekrümmt hatte. „So geht’s ja nun nicht!“, dachte ich bei mir, und unternahm den Versuch, sie gerade zu biegen. Es machte „knack“, und die Kerze war entzwei. –

„Was ist daraus zu lernen?“, räsonierte ich, und dachte darüber nach, wie Menschen manchmal miteinander umgehen, insbesondere in partnerschaftlichen Beziehungen. So entstand folgendes Gedicht, welches beidergeschlechtlich anwendbar ist. – Gebrauchslyrik also… –
Erkenntnis eines Übermenschen
Die Hitze, ach, verdrehte ihr den Kopf, das Herz.
Ich wollte beides      gerade biegen.
Doch langsam stellte ich dann fest    (mit Schmerz):
Es kann nicht alles sich zum Guten fügen.
(1995)

Der Kulturschock der Antike – das semiotische Dreieck

Um die erkenntnistheoretischen, sprachphilosophischen Reflexionen zu vertiefen, ist es gar nicht vonnöten, neueste und als modern verkaufte wissenschaftliche Erkenntnisse zu konsultieren. Ein Blick in antike und mittelalterliche Texte zu dem Thema genügt:

Angefangen mit der Schrift „peri hermeneias“ (Lehre vom Satz) von Aristoteles (384-322 v. Chr.) über Francis Bacon (1561-1626) und Edmund Husserl (1859-1938) bis zu einem Grundkurs C der Linguistik über Wortsemantik (Wintersemester 1994/95) an der freien Universität Berlin zieht sich der rote Faden der Erkenntnis, dass ein sprachlicher Ausdruck beziehungsweise ein Wort eben nicht in erster Linie einen Referenten, eine Sache, die Natur oder die Welt bezeichnet, sondern ein geistiges Konzept, einen Begriff oder eine Idee im Kopfe eines Kommunizierenden.

Das Schockierende – aber in Platons Philosophie die zentrale Entdeckung der Begriffe – daran war in der Antike, dass eben keine Eins-zu-eins-Relation zwischen einem Wort und einer Sache beziehungsweise einem Referenten besteht, was den Terminus einer „Bedeutung“ erheblich komplexer macht, als gemeinhin angenommen.

Aus diesem Wissen entwickelten Charles Kay Ogden und Ivor Armstrong Richards (The Meaning of Meaning,1923) eine Dreiecksfigur:

Diese auch als semiotisches Dreieck bekannt gewordene Figur ist immer wieder hilfreich und orientierend bei der Lektüre sprachphilosophischer Texte zu dem Thema einer „Bedeutung“.

Um die jeweiligen Entitäten (existierende Dinge oder Größen im Geist) an den Eckpunkten des Dreiecks (A, B und C) zu bezeichnen, haben verschiedenste Autoren aus verschiedenen Epochen immer andere Begriffe benutzt. Hier ein kleiner Überblick:

sprachlicher Ausdruck (A) Gedanke (B) Gegenstand /Sache (C)

vox, conceptus, res (Aristoteles)

[Stimme, Konzept / Begriff, Sache / Gegenstand]

sprl. Äußerungen, seelische Widerfahrnisse, die Dinge (Aristoteles; übersetzt)

sprl. Ausdruck, Erkenntnisbild, Sache (F. Bacon)

sprl. Ausdruck, Konzept, die Dinge (Giattini, Giovanni Battista SJ. Logica)

Ausdruck, Sinn / Bedeutung, Gegenständlichkeit (E. Husserl)

Symbol, Gedanke, Referent (C. K. Ogden und I. A. Richards)

symbol, thought or reference, referent (Ogden und Richards im englischen Original)

sprl. Ausdruck, geistiger Begriff, die Dinge (Dr. Meier-Oeser; Dozent des Hauptseminars)

sprl. Form, Begriff, Sache (Lieb)

word, idea, — (John Locke)

Ein Beispiel: Jemand spricht das Wort „Tisch“ aus, oder schreibt es auf einen Zettel. Dies wäre dann Eckpunkt A, der sprachliche Audruck, das Zeichen oder Symbol, oder the word. Dann geschieht Folgendes: Diese Wort „Tisch“, gesprochen oder geschrieben, löst im Hörer oder Leser etwas aus. Nämlich ein geistiges Konzept, einen Begriff. Was ist ein „Tisch“? Ein Tisch kann drei, vier, fünf und mehr Beine haben, und dient dazu, vor einem oder mehreren Menschen etwas abzulegen oder abzustellen: Ein Buch, einen Monitor, oder eine Speise. Dies ist dann Eckpunkt B des semiotischen Dreiecks, den man statt „Begriff“ auch „Vorstellung“ nennen kann, wobei das nichts mit Theater zu tun hat. In der sprachwissenschaftlichen Lehre von Bedeutungen (Semantik) wird noch unterschieden zwischen Prototypen- und Merkmalssemantik: Was ist der Prototyp eines Tisches, welche Art von Gegenständen werden schnell und selbstverständlich als „typisch Tisch“ erkannt? Oder andererseits: Welche Merkmale muss ein Gegenstand aufweisen, damit er als „Tisch“ bezeichnet werden kann?

Noch eine umgedrehte Clementinenkiste aus dünnem Holz, welche ein auf dem Boden kauernder Mönch vor sich aufgebaut hat, um darauf ein Buch, ein Getränk und einen Aschenbecher abzustellen, ist demnach ein „Tisch“.

Damit sind wir schon bei Eckpunkt C des semiotischen Dreiecks: Hier sind die Gegenstände der „Welt“, Dinge, Sachen oder Realitäten gemeint, welche durch ein Wort (Eckpunkt A) und einen Begriff (Eckpunkt B) gemeinsam „bezeichnet“ (R4 = Relation 4; der lange Pfeil in obiger Grafik) werden.

Nicht jeder spricht Chinesisch, doch jeder ist vom Fach, der Sprache benutzt.

Ob nun in den Köpfen der Menschen das Gleiche stattfindet, sie bei einem sprachlichen Ausdruck dasselbe denken, den gleichen Begriff „meinen“, muss offen bleiben.

Das ist schon alles Wissenswerte, was zu friedfertiger und toleranter Kommunikation beitragen kann.

Anmerkung:

Jemand sagt beispielsweise »Tisch«, und meint und versteht darunter etwas Bestimmtes. Sein Gegenüber hört das Wort, versteht darunter jedoch etwas (völlig) Anderes. Diese mögliche Differenz kann man wissen und berücksichtigen.

Einst sprach ich in diesem Zusammenhang von unhumanistischen Versuchen, »nicht bestehende Kongruenzen (oder ein Verstehen) zu erzwingen.«
Jemand kann ja auch den Versuch unternehmen, seinem Gegenüber seine Bedeutung ins Hirn zu meißeln. Das wäre dann eine »Bewusstseinsklonung«, wie ich es genannt habe.
 … –

Sprache, Denken, Logik und Wissenschaft

Wem es um Erkenntnis und Wahrheit geht, der zieht – in unserer westlichen Welt – gewohnheitsmäßig Mathematik, Logik sowie die Wissenschaften zu Rate. Dies scheint legitim und allgemein anerkannt, und dennoch bergen Erkenntnisse derartiger Provenienz (Herkunft) einen unerhörten Pferdefuß: Es ist die fatale Gläubigkeit, mit derartigen Werkzeugen oder Instrumenten wie Mathematik, Logik und Empirie die Welt und die Menschen ein für alle Mal erklären und damit auch beherrschen zu können. Privatsphäre, oder der Begriff einer »black box«, welche einst in soziologischen und psychologischen Theorien seinen festen Platz innehatten, scheint ausgemerzt, veraltet und vergessen. –

Schon Albert Camus sprach in seinem Buch „Der Mythos von Sisyphos“ (1942) von einer „blutigen Mathematik, die über uns herrscht“. Doch erscheinen seine diesbezüglichen Reflexionen und Einsichten aus heutiger Sicht ein wenig dünn und gehaltlos. Er hatte wohl andere Sorgen und Gedanken… –

Th. W. Adorno, der die Schriften Camus‘ mit Sicherheit kannte, drückt seine Aversion gegen Naturwissenschaft und Logik folgendermaßen aus:

„Dialektische Vernunft folgte dem Impuls, den Naturzusammenhang und seine Verblendung, die im subjektiven Zwang der logischen Regeln sich fortsetzt, zu transzendieren [überschreiten; C.F.], ohne ihre Herrschaft ihm aufzudrängen: ohne Opfer und Rache.“ [1]

Selbst wenn Adorno hier einen seiner polemisierenden Lieblings-Kampfbegriffe verwendet, nämlich den einer „Verblendung“, sollte dem aufmerksamen Leser dessen pazifistische Ethik nicht entgehen: Auch dialektische Vernunft, welche Adorno als Alternative zu traditionellen Denkweisen anbietet, will gar nicht herrschen, sondern koexistierend und gleichberechtigt wahrgenommen sein:

ohne Opfer und Rache.

Andererseits und weiter wettert Adorno in seinem ihm eigenen, scharf analysierenden, nahezu zynisch anmutenden Sprach- und Denkstil:

„Die formale Logik war die große Schule der Vereinheitlichung. Sie bot den Aufklärern das Schema der Berechenbarkeit der Welt.“ [2]

Da soll man mal ruhig bleiben, insbesonderer in unserer westlichen, wissenschaftsgläubigen Welt. Schon Sigmund Freud sprach mit Blick auf das Gewicht von Logik und Wissenschaft im Okzident vom „Gott Logos“, um die religionsanaloge Affinität zu gewissen Denkgewohnheiten herauszustellen. Zu einer Religion gehören unter anderem Rituale, und damit zurück zu Max Horkheimer und Th. W. Adorno:

„Die mathematische Verfahrensweise wurde gleichsam zum Ritual des Gedankens.“ [3]

Zu diesen polemisierend-reflektierenden Gedanken gesellt sich die Erkenntnis des sprachlichen Relativitätsprinzips: Diese als „linguistic turn“ in die Wissenschaftsgeschichte eingegangene Einsicht mahnt normalerweise einen jeden Wissenschaftler und Philosophen zu Bescheidenheit. Denn die Sprache und die Begriffe, mit deren Hilfe er zu seinen Wahrheiten gelangt, hat er ja selber nicht erfunden, und er scheint sich oftmals nicht gewahr, dass er in ebendiesem Käfig fleißig seine Runden dreht. –

„Die Kategorien und Typen, die wir aus der phänomenalen Welt herausheben, finden wir nicht einfach in ihr; ganz im Gegenteil präsentiert sich die Welt in einem kaleidoskopartigen Strom von Eindrücken, der durch unseren Geist organisiert werden muß – das aber heißt weitgehend: von dem linguisitischen System in unserem Geist.“ [4]

Dies bedeutet – kurz und knapp und mit Kant gesagt: Hier ist die Natur oder die „Welt“, welche die Menschen dort eben nur erkennen können mittels Sprache und Begriffen, die die „Welt“ zurechtschneidet nach unserem Geist und dessen Sprache:

„Diese Tatsache ist für die moderne Naturwissenschaft von großer Bedeutung. Sie besagt, daß kein Individuum Freiheit hat, die Natur mit völliger Unparteilichkeit zu beschreiben, sondern eben, während es sich am freiesten glaubt, auf bestimmte Interpretationsweisen beschränkt ist.“ [5]

Dies führt natürlich und unweigerlich in Abhängigkeiten, von denen die des Geistes von der jeweiligen Sprache „nur“ eine ist, jedoch eine fundamentale, deren Reflexion Freiheiten und neue Perspektiven eröffnen kann und sollte.

„[…] wird die Tatsache, daß Sprachen die Natur in vielen verschiedenen Weisen aufgliedern, unabweisbar. Die Relativität aller begrifflichen Systeme, das unsere eingeschlossen, und ihre Abhängigkeit von der Sprache werden offenbar.“ [6]

Wem diese Überlegungen zu theoretisch erscheinen, der möge einmal seinen Blick werfen auf die unterschiedlichen Bezeichnungen von beispielsweise Reis: Wieviele existieren in der deutschen Sprache, wieviele bei den Chinesen? – Wieviele unterschiedliche Arten von Schnee kennt ein Deutscher, der sich – bestenfalls – einen Skiurlaub in den Alpen leisten kann? Ein Eskimo würde ihn belächeln: „Du kennst also vier oder fünf verschiedene Sorten Schnee? Dann hast Du etwas von unserer wunderbaren Welt nicht verstanden, und bist meines Mitleids würdig und gewiss.“

„Wenn Erkenntnis sprachlich verfaßt ist, so das Argument, läßt sie sich nicht losgelöst von Sprache untersuchen. In diesem Sinne ist es zu verstehen, daß Sprachphilosophie zur grundlegenden Disziplin der Philosophie geworden ist: Der Erkenntnisanspruch der Philosophie wird durch die Analyse der Sprache der Philosophie geprüft und kritisiert. Und insoweit die Philosophie sich mit den Erkenntnisansprüchen von Wissenschaft, Literatur, Kunst, Religion usw. auseinandersetzt, hat sie die Sprachphilosophie als Grundlagendisziplin auch in die zugeordneten theoretischen Disziplinen wie Wissenschaftstheorie, Literaturtheorie, Kunsttheorie, Theologie usw. hineingetragen. Diese Entwicklung wird häufig als sprachphilosophische Wende („linguistic turn“) der Philosophie beschrieben.“ [7]

Dem ist nichts hinzuzufügen. Nur, dass man das – bei Interesse – längst hätte wissen können. –

Nun werde ich schweigen.

 

Quellen

 

[1] Th. W. Adorno: Negative Dialektitk, S. 145.

[2] Horkheimer/Adorno: Dialektik der Aufklärung, S. 13

[3] Horkheimer/Adorno: Dialektik der Aufklärung, S. 31f

[4] Benjamin Lee Whorf: Sprache, Denken, Wirklichkeit, S. 12.

[5] Ebd., S. 12.

[6] Ebd., S. 13

[7] Gottfried Gabriel: Grundprobleme der Erkenntnistheorie, S. 13

 

Literatur

 

Adorno, Th. W.. Negative Dialektik. Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main: 1966, 1967, 1970, 1973.

Camus, Albert. Der Mythos von Sisyphos. Ein Versuch über das Absurde. Rowohlt Taschenbuch Verlag, Hamburg 1959.

Gabriel, Gottfried. Grundprobleme der Erkenntnistheorie. Ferdinand Schöningh Verlag, Paderborn: 1993.

Whorf, Benjamin Lee. Sprache – Denken – Wirklichkeit. Rowohlt Taschenbuch Verlag GmbH, Reinbek bei Hamburg: 1963.